Mittwoch, 20. Oktober 2010

Zugegeben, ich habe ihn ausgesprochen, diesen gemeinen Satz, und ihn gewürzt mit einer anständigen Portion Schadenfreude. Extra-spicy. Auf dem Silberteller serviert hört er sich so an: "Stell dir nur mal vor, wie die anderen jetzt im Hörsaal sitzen und studieren, draußen regnet es und wir sitzen hier an einem Traumstrand, tun alles was man tun kann, um nichts zu tun und genießen einfach nur die Sonne. HA HA!" Böse, oder? Aber keine Sorge, denn die Zeit wird kommen, in der ihr mich auslachen könnt, verpöhnen, oder auf Facebook disliken. Eigentlich müsste ich euer Gelächter demnächst hören, wenn mein Rücken beim Versuch den "Arsch", wie ich meinen neuen Rucksack jetzt vorzugsweise nenne, hochzuhieven, so laut knackt, dass Gundula Gause und Claus Kleber während der "Heute Nachrichten" darüber streiten, ob es sich dabei um den Ausbruch des Dritten Weltkrieges oder die unvorhergesehene Kollision zweier Kontinentalplatten handeln könnte. Reisen ist nämlich nur halb so einfach, wie man es sich anfangs vorstellt und um euch keine Illusionen zu hinterlassen, möchte ich euch lieber die ganze Wahrheit, die sich hinter Traumstränden, idyllischen Buchten und romantischen Sonnenuntergängen versteckt, erzählen.

Nachdem "Travel" seit meiner Ankunft in Paihia endlich erwachte und sich die Dominanz vor "Work" erkämpft hatte, fing die Reise wirklich harmonisch an. Nicht einmal die vierstündige Busfahrt von Auckland in den nordöstlich gelegenen Küstenort hätte mich davon abhalten können, kurz vor der Ankunft meine Handflächen gegen die Fensterscheibe zu pressen, die Augen auf die Größe von Billardkugeln aufzureißen und den Mund so weit zu öffnen, dass er in die "Mund-zu-sonst-komm'-die-Fliegen-rein"-Kategorie gefallen wäre. Das, was ich gesehen hatte, war nämlich filmreif. Feiner Sandstrand, der unter der warmen Abendsonne in goldener Melancholie schimmerte, die dunklen Silhouetten kleinerer Inseln, die einsam aus der mächtigen Weite des Ozeans ragten und, wie mein Vater noch hinzufügen würde, "keine Sau weit und breit". Die nächsten Tage verbrachten wir damit die Halbinsel Russel zu besuchen und uns den Weg durch den Regenwald zu den Haruru Falls zu erkämpfen. Die Strecke zu den Wasserfällen verlangte uns einen dreistündigen Lauf über unebenen Waldboden ab, schenkte uns aber ebenso einmalige Sinneseindrücke. Die urzeitlichen Farne und riesigen Bäume verdeckten uns jegliche Sicht in den Himmel und nur ein schmaler Pfad leitete die Wanderer durch dieses magische Land voller geheimnisvoller Gerüche und exotischer Gesänge. Der dritte Tag unseres Aufenthalts in Paihia begann zu einer unmenschlichen Zeit, denn 6.30 Uhr wartete der Bus vor dem Hostel, um uns an den nördlichsten Punkt der Nordinsel, Cape Rainga, zu chauffieren. Dass zu der recht anstrengenden Fahrt auch ein Unterhaltungsprogramm vom Busfahrer gehörte, stand nicht im Prospekt, auch nicht dass die Lautsprecher im Bus die lauteste Einstellung auf meinem iPod übertönten. Und wenn der Fahrer nicht sprach und uns seine komplette Familienhistorie erzählte, sang er Maori-Lieder, die mich an das Geheul verhungernder Hyänen erinnerten (Und nein, natürlich habe ich verhungernde Hyänen noch nie schreien hören...). Dieser Morgen war gelaufen. Als wir endlich am Cape angekommen waren, hieß es gleich: "Halbe Stunde, dann treffen wir uns wieder im Bus!". Ay, ay, Captain! Also, hastiger Marsch über einen grasigen Hügel zum Leuchtturm, Aussicht über das Meer genossen, Fotos geschossen, zurück zum Bus. Oh nein! Spät dran! "Heeey, wir warten schon auf euch! Beeilung! Wir müssen weiter! Kommt schon!", rief es von Weitem. Brühende Sonne über meinem Kopf. Schweißperlen. Dann nahmen wir wieder Platz auf den Sitzen. Unmittelbar startete der Motor. Zehn Minuten entfernt lagen die Sanddünen. Dann stand Sandboarden auf dem Programm. Lustig, dachte ich. Listig, dachte der Busfahrer, denn erst, als er jedem schon ein Sandboard in die Hand gedrückt hatte, zeigte er uns freudig den Anstieg, der auf uns wartete: Eine 100 Meter hohe Düne mit einem gefühlten Steigungswinkel von 89°. Die Abfahrt war dennoch lustig und ganz unerwartet flog mir kein einziges Sandkorn in die Augen. Nach dem Surftrip setzte sich der Bus auch schon wieder gen Paihia in Bewegung, aber diesmal entlang am 90 Miles Beach. Es fühlte sich irgendwie gespenstisch an, denn fast eine Stunde rasten wir über feuchten Sandboden, der rechts von mir in einen riesigen Ozean eintauchte. Das Einzige, was ich sehen konnte, wenn ich aus dem Fenster blickte, waren Strand, Meer und Himmel. Und alle paar Kilometer ein Wasservogel, der Muscheln aus dem Sand pickte.

Das nächste Ziel auf unserer Reise ließ nicht lange auf sich warten: Hahei, Coromandel region, Ostküste, Nordinsel. Nachdem uns der Busfahrer an einem kleinen Minimarkt abgesetzt hatte, der, wie wir später erfahren sollten, der einzigste und leider auch teuerste Laden im ganzen Dorf war, durften wir uns damit begnügen ein anständiges Hostel zu suchen. Mit dem tonnenschweren "Arsch" auf dem Rücken und einer kompromisslosen Sonne im Nacken. In Hahei gab es zwei günstige Absteigen für Backpacker, von denen eins am Strand lag und ausgebucht war und ein anderes im Ortskern mit freien Betten. Ihr dürft lachen, nachdem ich euch gefragt habe, welches Hostel wir als erstes angelaufen haben. Am Nachmittag erholten wir uns von dem Militärmarsch durch ganz Hahei am Strand und genossen dabei ohne schlechtes Gewissen je einen fünf Dollar Luxusapfel. Ja genau, vom Minimarkt mit Riesenpreisen.

Vierundzwanzig Stunden später fand man uns schon wieder am Strand, denn für den zweiten Tag hatten wir einen Ausflug zur Cathedral Cove gebucht, die in einer wunderschönen paradiesischen Bucht gelegen war und vor ein paar Jahren als Filmkulisse für den zweiten Teil von "Narnia" diente. In dieser Bucht geschah es dann, dass ich den oben benannten Satz ausgesprochen hatte. Und wenn ich jetzt daran denke, empfinde ich schon wieder ein bisschen Schadenfreude. Aber nur ein bisschen, ihr Armen!

Die letzten zwei Tage in Hahei waren vom Regen bestimmt. Also stand lesen auf dem Programm. Und über Essen reden, Tee trinken und schlafen. Zum Hot Water Beach hatten wir es leider nicht mehr geschafft, aber uns zumindest vorgenommen, nochmal wiederzukommen und uns bei besserem Wetter einen eigenen kleinen Pool im Sand zu buddeln.

Heute zeigt der Navigationspfeil auf Tauranga, ein beschauliches Küstenstädtchen mit vielen Bars und netten Cafés. Der Hauptgrund, warum wir hergekommen waren, lag im Geldmangel und der daraus resultierenden Arbeitssuche, die bisher noch keinen Erfolg verzeichnet hat. Um das Wort "Kredit" auf meiner Karte noch eine Weile unbeachtet lassen zu können, beschlossen wir, ein paar Nächte couchsurfen zu gehen. Kurz bevor wir im Regen an ihrem Haus ankamen, erreichte uns die Nachricht, dass wir noch eine halbe Stunde auf Yvonne, unserem neuen Host, warten müssten, da sie nur ein "pushbike" hätte, mit dem sie zur Arbeit und zurück nach Hause fahren konnte. Schön. Da wir nicht weiter nass werden wollten, fragte ich sie am Telefon, wo wir uns unterstellen könnten. "Ach, ihr seid noch gar nicht drin?" Verwirrung. Natürlich waren wir noch nicht im Haus. Also empfahl sie uns den kleinen Dachvorsprung am Eingang als Regenschutz. Den Eingang stellten zwei dünne Schiebetüren aus Glas dar, wobei das Glas eigentlich kein Glas mehr, sondern eher eine dicke Schicht aus Schimmel und Spinnweben war. Es regnete immer noch und um uns herum krabbelten Spinnen und andere Vielfüßer. Interessantes Wohnen. Von drinnen blickte uns ein großer, alter Hund an, der sich später in der Nacht neben mir seine Flöhe aus dem Fell kratzen sollte. Als Yvonne mit ihrem Fahrrad fröhlich durch die Einfahrt fuhr, war ich mehr als überrascht, dass mich eine ganz normal aussehende Altenpflegerin anlachte und keine Kräuterhexe auf ihrem Besen vor mir landete. Noch überraschter war ich, als ich, nachdem die Frau die Schiebetüren öffnete, erfahren musste, dass es Raumdüfte jetzt auch mit der Note "Hundehütte" geben musste und Teppiche in der Ökovariante aus Hundehaaren bestanden. Als ich einen Blick auf meine Socken warf, nachdem ich mich fünf Schritte durch das Wohnzimmer bewegt hatte, stellte ich mir einfach vor, es wäre Lammfell. Am Abend freute ich mich dennoch auf das Rindersteak, was wir zuvor im Supermarkt gekauft hatten, doch als ich den ersten Bissen in meinem Mund hatte, war ich mir plötzlich sicher, wie Hundefleisch schmecken musste. Probiert es lieber nicht! In der Nacht campierte ich auf einem schmalen Stückchen Klappbett und war mir das erste Mal über die Vorteile meiner Größe bewusst. Ich messe 1.63 Meter. Das Einschlafen wurde mir versüßt durch Leck- und Kratzgeräusche direkt neben meinem Kopf. Ab und zu ein Schnaufen.

Die Kuriosität der Geschichte liegt jedoch darin, dass Yvonne überhaupt nicht in diese Hundehütte passte. Erst recht, weil sie nicht mal eine Hündin war, sondern liebevolle Altenpflegerin, grandiose Köchin, aktive Triathletin und belesene Kosmopolitin. Am Ende konnte ich mich sogar so gut mit ihr unterhlten, dass ich gern noch ein paar Nächte länger geblieben wäre.

Nun liege ich wieder auf einer Matratze im Hostel, Loft 109, und hoffe, dass sich noch ein Bauer meldet, der mir heute Morgen Hoffnung auf einen Job gemacht hatte. Drückt mir die Daumen, dann erzähle ich euch auch, wie's weiter geht!