Nachdem ich mich drei Monate "ins Privatleben zurückgezogen" habe - Faulheit beschreibt diesen Zustand des Nichtschaffens leider doch noch am besten -, melde ich mich mit diesem Blogeintrag frisch und schöpferisch zurück.
Da mein vergangener Eintrag eine Fortsetzung für alle Leser versprochen hat, beginnen meine Schilderungen nun im Dezember 2010.
Daniel und ich hatten beschlossen, Weihnachten auf Stewart Island zu verbringen. Von entspannten Weihnachtsfeiertagen konnte allerdings nicht die Rede sein, denn kaum hatten wir die erste Nacht nach unserer Ankunft noch im Hostel verbracht, begann das große Abenteuer ohne Aussicht auf Strom und warmes Wasser schon am darauf folgenden Tag. Doch bevor es wirklich losgehen konnte, stand ich noch vor einer ganz anderen Herausforderung: Ich musste meinen Rucksack entleeren und nur das "Notwendigste" für den geplanten 5-tägigen Trip einpacken. Da "praktisch denken" damals noch nicht meine größte Stärke war, schenkte ich Daniel einen ungläubigen Blick, als er mir riet, die vier Nagellackfläschchen und das Glätteisen im Spint zu verstauen. Im Nachhinein betrachtet, wäre eine frisch aufgetragene Lackschicht wohl nur der ironische Höhepunkt des Fußmarsches durch naturbelassene Schlammpfade und über rostige Hängebrücken gewesen. Den mehrtägigen Mangel an Hygienemaßnahmen möchte ich hier nicht weiter ausführen. Da meine Rückenmuskulatur sich in den vergangenen Monaten schon der eines Packesels angepasst hatte, fühlte ich, nachdem ich das erste Mal in den Genuss eines auf das Nötigste gepackten Rucksacks kommen durfte, gar nichts. Fe-der-leicht! "Der Himmel ist auf meinem Rücken", rief ich voller Ekstase. Daniel lachte spöttisch und in bester Laune ging es schließlich los durch die ersten paar Meter Wald auf dem Weg zum ersten Etappenziel, einer kleinen Holzhütte mitten im Nirgendwo. Die gute Laune hielt bei mir leider nur so lange, bis ich realisierte, dass es sich bei den ersten paar Metern Wald in Wirklichkeit um eine unendliche Baumlandschaft handelte und der Wegweiser uns auf eine 5 bis 6-stündige Wanderung vorbereitete. "Keine Sorge, wir schaffen das locker in 5 Stunden, wenn wir zügig laufen und nur ein oder zwei Pausen einlegen." Zügig laufen. Nur ein oder zwei Pausen. (Daniel, ich hatte wohl vergessen zu erwähnen, dass ich zu Hause sogar zum 2 Minuten entfernten Supermarkt mit dem Auto fahre.)
Nun aber mal Spaß bei Seite. Nachdem ich mich überraschenderweise schon nach einigen Stunden Laufens an die körperlichen Antrengungen gewöhnt hatte (insgesamt waren wir 29 Stunden zu Fuß unterwegs), konnte ich mich frei den Genüssen, die die Wanderung zu bieten hatte, hingeben. Abgeschottet von Städten und Verschmutzung wurde meine Lunge geflutet von frischer, angenehm kühler Luft. Mit jedem Atemzug erfüllte mehr und mehr Energie meinen Körper. Ich fühlte mich von allem befreit und losgelassen und das erste Mal seit langem hörte ich auf zu denken und gebrauchte nur noch meine Sinne, die die Schönheit des Waldes geradezu aufsaugten. Daniel und ich redeten sehr wenig während dieser fünf Stunden. Das war aber nicht schlimm, denn jeder genoss das seltene Gefühl für sich, Mensch sein zu können, um im selben Moment zu begreifen, wo unsere Ursprünge liegen, als wir unsere Arme und Beine dafür benutzten, wofür sie einst geschaffen worden waren: Zum Abstützen an Felsen, Festklammern an Ästen, Ausbalancieren auf Baumstämmen oder glitschigen Steinen und Überwinden von unzähligen anderen Hindernissen. Schon kurz nachdem wir die Wanderung begonnen hatten, beschlossen wir, die beklemmenden Schuhe auszuziehen und barfuß weiter zu laufen. Mit jedem Schritt bohrte sich der feine, kühle Schlamm des Waldbodens durch die Zwischenräume meiner Zehen. Sogar auf den vielen unebenen Pfaden, die von feuchten Ästen und kantigen Steinen bedeckt waren, spürte ich keinen Schmerz an meinen Füßen. Eher war es eine natürliche Massage, die ab und an durch Streicheleinheiten des Schlammbodens abgemildert wurde. Von den uns gelegentlich entgegenkommenden Trampern ernteten wir dafür eine Menge Respekt. Ich wünschte mir nur, sie hätten das selbe getan, um einen solchen Hochgenuss gegen die schweren Trekkingschuhe eintauschen zu können. Die Strecke bis zur Hütte war durchzogen von steilen, duneklgrün bemoosten Felsklippen, die es aufzusteigen vermochte, Bächen, die durchwatet oder übersprungen werden wollten, Lichtungen, die gleich am Ufer des Pazifiks lagen und zur Rast einluden und endlos weiten Wegen über Tannnadeln und Laubblätter. Kurz nachdem die Dämmerung die Schatten der Bäume immer länger werden ließ, erreichten wir hungrig und erschöpft unser erstes Etappenziel, die Freshwater Hut, direkt an einem kleinen Waldsee gelegen. Drinnen verschafften uns die niedrigen Temperaturen zunächst eine angenehme Abkühlung, doch später, als Daniel das Feuer im Kamin entzündete, um unsere erste richtige Mahlzeit, eine Süßkartoffel, darin zu rösten, genossen alle die Wärme, die die Holzhüttenatmosphäre nocheinmal verstärkte. Die Zeit vor dem Schlafengehen verbrachten wir mit den anderen Wanderern damit, unsere Erfahrungen und Eindrücke auszutauchen. Die Nacht war kühl, dennoch war ich so erschöpft, dass ich ziemlich gut durchschlafen konnte. Lediglich das Bedürfnis nach einer warmen Dusche wurde immer größer. Auch die nächsten Tage waren anstrengend, aber umso genussvoller, denn selbst die Landschaft auf einer so kleinen Insel wie Stewart Island hatte so viel zu bieten, dass man regelmäßig ins Staunen geriet. Die Wanderung auf einem schmalen Holzsteg, der uns durch Mangroven ähnliche Wälder führte, hatte ihren ganz besonderen Reiz, denn man musste schon ziemlich gelenkig sein, um entgegenkommenden Wanderern auf dem sonst so einsamen Pfad auszuweichen, ohne dabei überzukippen. Hin und wieder leisteten uns auch ein paar paradisische Vögel Gesellschaft, die uns mit ihrem gelb-schwarzen Gefieder und langen, fächerförmigen Schwanzfedern in ihren Bann zogen und manchmal sogar vom Weiterlaufen abhielten. Eine andere einmalige Szenerie eröffnete sich uns, nachdem wir die Mangroven verlassen hatten. Vor uns erstreckte sich plötzlich eine ungeahnt weite Graslandschaft, die links und rechts am Horizont nur von grünen Bergen und vor uns vom Meer begrenzt war. Da wir uns immer noch auf dem Holzsteg bewegten, fühlte es sich an, als wären wir über die Wiese geschwebt. Den Ozean als Endziel vor Augen zu haben, erzeugte beinahe ein biblisches Gefühl in mir, doch als wir zum ersten Mal die Füße auf den feinkörnigen Sand setzten und das gesamte Panorama erblicken durften, fehlten mir schlicht die Worte, um dieses Glück zu beschreiben. Die Sonne bewegte sich immer mehr dem Horizont entgegen und ließ das Meer in einem warmen Bronzeton erstrahlen. Dadurch, dass die Flut erst allmählich zurückkehrte, wirkte der Strand umso weiter und die wenigen Möwen, die sich ihr Abendbrot aus dem Sand pickten, schienen geradezu wie kleine Punkte, die die Gleichmäßigkeit des Sandbodens ein wenig auflockerten. Der leichte, salzige Wind, der vom Meer in unsere Gesichter wehte, lies die Gräser auf den Hügeln hinter uns friedlich hin und her wiegen. Rechtzeitig zur goldenen Stunde hatten wir das Ziel erreicht und unsere Belohnung, die Erkenntnis über tatsächlich existierende Freiheit für all die Anstrengungen erhalten. Amen!