Sonntag, 26. Dezember 2010

Fortsetzung folgt...

Auckland, 02. Dezember 2010, 19.30 Uhr. Ich stehe zwischen Teenagern und jung gebliebenen Genießern. Wir alle lieben die Sonne, das Meer und gute Musik. Der erste Akkord erfüllt die stickige Konzerthalle. Plötzlich fällt das Atmen wieder leichter. Jubeln. Ich frage mich, wer die beiden Mädchen auf der Bühne sind. Später erfahre ich, dass sie sich Tegan & Sara nennen, aus Kanada kommen und Jack dankbar dafür sind, ihn begleiten zu dürfen. Es ist ihr zweiter Besuch in Neuseeland. Die Musik ist sauber, leidenschaftlich, am Ende mitreißend. Ich applaudiere und versuche, mich an den Namen eines ihrer bekannteren Lieder zu erinnern. "Back in your head". Zurück in deinen Kopf. Ich wusste, ich kannte den Song, der es jetzt sogar in die Titelliste auf meinem iPod geschafft hat.

Jacks Alben waren es mir allerdings schon Jahre vorher wert. Unterlegt von weichem Gitarrensound und entspannten Pianoeinlagen besingt er den "Fortunate Fool", erzählt uns "Anything But The Truth" und öffnet uns das Tor "To The Sea". Spätestens jetzt ist der Sommer angekommen; draußen, in der Arena und in den Herzen. Jack fragt, "Where'd all the good people go?". Hier sind sie, schätze ich. Aufgeregt ist er wieder. Nachdem eine halbe Stunde vergangen ist, stellt er fest, dass er vor lauter Nervosität vergessen hat, Hallo zu sagen. Macht nichts, Jack. Hallo! Auch die Aussetzer nehme ich ihm nicht übel, wenn er uns peinlich berührt fragt, ob wir ihm die erste Zeile von "Better Together" verraten können. Später schreibe ich einem Freund in einer Email, "I can't blame JJ, he's a singing surfer." Dann macht er Witze darüber, dass ich einen bekannten Musiker JJ nenne. Aber jeder, der einmal in einem Raum mit Jack Johnson war, weiß, dass es sich anfühlt, als kenne man ihn schon Jahre, wenn er auf der Bühne seine Lieder singt und Geschichten vom Strand und der Liebe erzählt. Gute Gefühle. Überall. Nicht zuletzt, weil Aisha neben mir steht, die ich zuletzt vor zwei Monaten gesehen habe. Vor meiner Reise durch die wunderschöne Nordinsel dieses zauberhaften Landes.

Ein paar Stunden später, Abschied. Abschied von Jack, Abschied von Aisha, Nicola, Abschied von allem Bekannten. Ein zweites Mal verlasse ich Auckland, die Stadt, die mich am Anfang begrüßt und aufgenommen hatte. Es fühlt sich an, als ließe ich die Heimat hinter mir. Ich breche auf ins Unbekannte. Allein als einsame Reisende. Unterwegs macht sich schon nach wenigen Tagen die Last meines Rucksacks bemerkbar. Er zerrt an meinen Schultern. Ich quäle mich. Es wird Zeit, ihn abzusetzen und mir für einige Tage eine Auszeit zu gönnen. Nachdem ich die vergangenen Tage durch Wellington, Picton, Nelson und Westport gerauscht bin, komme ich an in Granity, einem verschlafenen Küstenörtchen im Westen der Südinsel. Mit schweren Schritten schleppe ich mich und den Rucksack die Straße entlang. Niemand ist zu sehen, kein Auto, keine Menschen. Auf meiner Rechten beherrschen gewaltige, grüne Berge die Landschaft, um deren Gipfel sich ein müder Schleier von Nebel legt. Links von mir rauscht das Meer. Kraftvoll schlagen sich die Wellen um dunkle, aus dem Wasser ragende Felsen. Der steinige Strand ist unberührt. In seiner Zeitlosigkeit und Weisheit überlässt er sich den Gewalten des Ozeans und der Winde.

Es ist ein trüber Tag, als ich meine neue Unterkunft erreiche. Jeffs selbst erbautes Haus gleicht einem Lager von Gerümpel. Spielzeuge, Porzellanfiguren, Küchengeräte und unnützer Kram stapeln sich in Schränken und Regalen. Dennoch erfüllt die kunterbunten Räume eine glühende, melancholische Atmosphäre, denn jede Puppe, jeder Lampenschirm, selbst die unzähligen Variationen an Salz-und Pfefferstreuern verbinden sich mit der Leidenschaft der einsamen Seele des dennoch glückichen Mannes. Hunde, Katzen, Hühner und Schildkröten tun ihr übriges, um Haus und Garten Leben einzuhauchen. Zum Abend bekocht er mich und meinen neuen Reisepartner Daniel mit reichlich Fleisch. Zu viel Fleisch. Danach beschließen wir, uns von nun an vegetarisch zu ernähren. Der Tiere wegen. Um Mitternacht herum machen wir uns auf zum Ozean und lassen uns für ein paar Minuten von den Wellen treiben. Ich glaube, so fühlt sich Freiheit an. Ich vergesse die stechende Kälte, die in meinen Körper eindringt und bin glücklich. Für einen Augenblick gibt es nur mich, das Wasser und den Mond, der über mir die Farben des Tages in eine silbergraue Nacht verwandelt. Nach zwei Wochen Arbeit in Jeffs Garten habe ich gelernt, eine Kettensäge zu bedienen, das Geschirr nach Gebrauch dirket in den Geschirrspüler zu räumen und Spinnen und anderes Getier zu tolerieren.

Es wird Zeit aufzubrechen. Wir haben genug von viel zu gutem Essen und dem Leben im Caravan. Kaum sind die Rucksäcke gepackt, finden wir uns wieder am staubigen Straßenrand unter der brühenden Mittagssonne. Es ist ein heißer Sommertag. Das Abenteuer beginnt. Nach wenigen Minuten Warten hält das erste Auto, wir steigen ein und trampen gen Süden. Der Fahrer, ein alter Mann, der vermutlich sein ganzes Leben im kleinen Granity verbracht hat, spricht nicht viel, trotzdem ist er herzlich und wünscht uns mit dem wärmsten Lächeln eine gute Reise. Zahlreiche andere Fahrten folgen. Ein Mal entlang einer wunderschönen, kilometerlangen Küstenstraße mit einem Deutschen, der das Hoch seiner Gefühle mit einem "Gar nicht mal so schlecht" ausdrückt, ein anderes Mal mit einem wilden Ausreißer aus Auckland, der sich aufgemacht hat, sein eigenes Land zu erkunden, zusammen mit seiner Gitarre und dem nagelneuen Saxophon. Während der Fahrt durch das sich ständig ändernde Landschaftsbild, hinweg über Berge, entlang der Küste und durch saftig grüne Wälder hören wir Jazz. Später, angekommen am Franz Joseph Gletscher, improvisieren die zwei Jungs selbst. Einer an der Gitarre, der andere am Saxophon. Ich höre zu und begreife im selben Moment, was Jack Kerouac gemeint hat, wenn er in seinen zahlreichen Büchern von "sudden savage joy" spricht, der plötzlichen wilden Freude. Plötzliche wilde Freude über das Reisen, das rauschende, fieberhafte Leben unterwegs und über gute Gesellschaft. Und die Musik. Das ist alles, was zählt. Die Nacht verbringen wir in unseren Schlafsäcken am Rand einer Klippe auf weichem, moosbewachsenen Boden und genießen den sternenklaren Himmel, den Ausblick auf den Gletscher, der im Mondschein umso kühler und gewaltiger wirkt. Wir sind inmitten der Natur und hören Joy Division. Eine Sternschnuppe zieht ihre Bahnen durchs Universum. Ich darf mir was wünschen.

Der nächste Tag ist anstrengend. Drei Stunden folgen wir der Straße Richtung Wanaka, auf der Rückbank eines Campervans zweier Australier. Das Paar gönnt sich drei Wochen Auszeit und ist froh, dass Neuseeland um einiges kleiner ist, als ihr eigenes Land. Nach einer Stunde Fahrt machen wir Rast auf einem winzigen Parkplatz direkt am Meer. Das Mädchen kocht uns Nudeln. Es wird heiß im Auto, also beschließen wir, uns im Ozean abzukühlen. Während ich mit Daniel über anstehende Pläne diskutiere und mit den hohen Wellen kämpfe, tauchen unweit von uns plötzlich Delfine auf. Wir sind verzaubert. Plötzliche wilde Freude.

Dort, wo die Sonne in den Nachmittagsstunden den Gipfel des Mount Aspiring bestrahlt, sich unzählige Touristen in kleinen Straßencafés und Souvenirlädchen tummeln, Kinder in dem warmen Wasser des vom Gebirge umsäumten Sees plantschen und ihre Eltern am Strand im Schatten unter ausgedehnten Baumkronen die Tageszeitung lesen, nennt man es Wanaka, ein kleines Örtchen mit sonntäglichem Wochenmarkt. Ich kaufe mir ein Kilo Kirschen, setze mich auf eine Bank am See und genieße -alles-, während Daniel sich vor dem Supermarkt ein Duzend Dollar mit seinen neuen Songs dazuverdient. Am Abend klettern wir auf einen Baum und lesen uns ein paar Seiten aus "The Town And The City" vor. Fehlt nur noch eine geröstete Kumera, Neuseelands berühmte Süßkartoffel, und Chutney als Beilage zum Dinner.

Die folgenden Tage führen uns weiter südwärts. Nachdem wir Wanaka verlassen haben, finden wir uns wieder in Te Anau, einem noch kleineren Örtchen, dessen einziger Zweck es ist, Touristen zu beherbergen, die von Gletscherwanderungen, Skydives oder anderen Ausflügen zurückkehren, um ihre Mägen an der Sandwichtheke des einzigen örtlichen Supermarktes aufzufüllen, oder sich noch mehr Souvenirs zu kaufen. Es ist ungeheuer heiß. Mir laufen Schweißperlen von der Stirn, die wohl im selben Moment in der Hitze verdunsten. Zeit für ein Eis. Himbeer-Vanille. Danach springen wir in den nahe gelegenen See, schwimmen und können nicht mehr aufhören zu lachen. Warum, weiß ich nicht. Das Trampen klappt nicht, also bleiben wir über Nacht in Te Anau und suchen uns einen Schlafplatz am Ufer des Sees. Die einzige Gesellschaft, die sich uns bietet, sind ein paar Wasservögel. Der Sonnenuntergang ist phänomenal. Ich beobachte, wie das Licht den Himmel in eine Mischpalette aus Gold, Purpur und Violett verwandelt. Alles scheint sich zu bewegen. Sogar die mächtigen Berge, die sich durch den Lauf der Schatten langsam in einen ruhigen Schlaf wiegen, bis sie wieder versteinern, in ewiger Ruhe. Kurz bevor Sonnenaufgang wecken mich Wassertropfen, die wild auf mein Gesicht rieseln. Es hat angefangen zu regnen. Zeit aufzustehen. Wenige Stunden später stehen wir wieder an der Straße. Nebenbei übe ich mich an der Gitarre und stelle fest, ich werde besser. Am selben Tag erreichen wir Invercargill, eine größere Stadt im Süden der Insel. Der Nieselregen und die grauen Wolken lassen den Ort umso trüber und trotloser erscheinen. Ich heitere mich mit einem heißen Cappuccino in einem netten Café auf, während Daniel seine Flugtickets nach Nepal bucht. Die Nacht verbringen wir in einem dunklen Hostelzimmer. Unser einziger Mitbewohner, ein Backpacker aus Colorado, der so spät ins Zimmer kommt, dass wir ihn erst am nächsten Morgen bemerken. Das Kennenlerngespräch verläuft wie gewöhnlich. "Und, wo kommst du her? Wie lange bist du schon hier? Hast du schon gearbeitet?". Es hat sich eine Art Routine in diesen Gesprächen entwickelt, dennoch genieße ich es, mich mit anderen Reisenden auszutauschen. Jeder berichtet von seinen Erfahrungen, dann fragt der eine, "Echt?" und der andere sagt, "Ja, wirklich!". Die Gesichter ändern sich, aber die Gespräche bleiben gleich. Auch das schafft etwas heimatliches. Heimat an unterschiedlichen Orten mit ähnlichen Geschichten von unterschiedlichen Menschen. Ein Heimatrausch.

Bluff ist der letzte Ort, den wir auf der Südinsel ansteuern, bevor wir die Fähre nach Stewart Island betreten. Ein alter Mann erzählt uns auf der Fahrt in seinem rostigen Auto Geschichten über das Leben und seinen geliebten Heimatort. Er hat viel erlebt. Das verraten mir die tiefen Falten in seinem Gesicht. Und er hat viel gelacht. Wir sitzen am Hafen in Bluff. Noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Glück. Weihnachten steht kurz bevor, und so viel soll verraten sein: Während ihr eure Geschenke ausgepackt habt, verbrachte ich bereits meine dritte Nacht im Wald. Auf der Insel. (Ungeduscht.)