Freitag, 29. Juli 2011

Das Reisen ist wie ein Virus. Ein Mal damit angesteckt, lassen sich die Symptome kaum lindern. Die meisten werden jetzt vermuten, dass mir diese triviale Metapher lediglich zur Veranschaulichung stereotyper Ansichten selbsternannter Landstreicher mit Peace-Aufnähern diente, frei nach dem Motto: "Reisen macht süchtig und man kommt nie wieder davon los". Was ich jedoch eigentlich sagen will, ist: Auch von einem verdammten Virus hat man irgendwann die Nase voll und entwickelt das wachsende Bedürfnis nach ein wenig Normalität. Die Normalität sieht im Vergleich zu Matratzen mit integrierten Bioreservaten, Hocktoiletten und Smog als alternative Atemsubstanz nämlich so aus: Ein sauberes Bett, eine saubere Toilette zum draufsetzen und saubere Luft zum Atmen. Vergessen wir auch nicht die "sauberen" Freunde zu Hause, die kein Dreck am Stecken haben.
Vor ein paar Monaten in Peking war ich nämlich über die Bekanntschaft zweier chinesischer Mädchen, die sich mir plötzlich auf der Straße selbst als Reisende vorstellten und mich zum Kennenlernen in ein nahegelegenes Teehaus einluden außerordentlich erfreut. Dass mich das zweifellos nette Gespräch mit meinen beiden "Freundinnen" inklusive der zwei überaus leckeren Tassen Tee mehr als umgerechnet 50€ kosten sollten, ließ mich zu dem Schluss kommen, doch nicht jedem Dahergelaufenen sofort mein Vertrauen zu schenken. Diese Lektion kostet mich dennoch sehr viel Disziplin.
Wie viel Disziplin bekannte Schauspieler aufbringen müssen, um sie verfolgende Paparazzi nicht mit Verbalattacken zu beleidigen, realisierte ich während meiner täglichen Touren durch chinesische Park- und Tempelanlagen, denn kaum nachdem ich das hektische Straßentreiben verlassen hatte, um mir die kulturellen Schätze des Landes anzusehen, hatten die umherlaufenden Chinesen ein weitaus lebendigeres Motiv im Visir. Mich. Zunächst tolerierte ich die um mich herum stehenden Menschentrauben mit ihren Digitalkameras vor ihren grinsenden Gesichtern sogar noch, doch nachdem mir einige von ihnen sogar hinterhergeeilt kamen, beschloss ich meine Augen durch eine schwarze Sonnenbrille zu verdecken, um so zumindest jeglichen zufälligen Blickkontakt zu vermeiden. Wirkungsvoll war das Täuschungsmanöver trotzdem nicht. Jetzt noch ein kleiner Tipp am Rand: Alle, die sich nach etwas mehr Aufmerksamkeit in ihrem Leben sehnen, sind mit europäischen Gesichtszügen und heller Haut bestens in China aufgehoben.
Auch meine Orientierungsschwäche machte mir nicht gerade mehr Lust auf weitere Fußmärsche durch unbekannte Länder, vor allem nicht in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, wobei das Wort "Märsche" keinesfalls eine Übertreibung darstellt. Peinlich wurde die Sache, nachdem ich nach einer Einkaufstour, bei der ich mich ebenfalls mehrmals verirrt hatte, nicht mehr zum Eingang meines Hostels fand. Das Paradoxe daran war, dass, trotzdem ich das hohe Gebäude sehr wohl erkennen konnte, die Gasse, die dort hin führte, partout nicht aufzufinden war. So wanderte ich gefühlte 100 Mal um den gleichen Straßenblock und konnte etappenweise beobachten, wie ein frisch verliebtes Pärchen ihre Cappuccinotassen leerte. Was ihnen nach meiner dritten Umrundung wohl nicht mehr ausging, war der Stoff zum Lachen.
Traurig hingegen verliefen die ständig wiederkehrenden Abschiede auf meiner Reise, der wohl härteste Teil im Leben eines Rucksacktouristen. Zum Punkto Freundschaften gibt es nämlich folgendes zu sagen: Trotz rauschender Abenteuer, geteilter Freuden und gemeinsamer Entdeckungen ließ sich am Ende ihrer Tramperfahrten auch der Abschied zwischen Sal Paradise und Dean Moriarty nicht verhindern. Ganz ohne literarische Fähigkeiten schreibt auch das Leben derartige Erfahrungen. Die Leute kommen und gehen. Man winkt dem anderen zu und was bleibt ist die Erinnerung und die Erkenntnis, dass wir zumindest alle auf dem gleichen Planeten wohnen. Echte, beständige Freundschaften schaffen es sogar bis ins Email-Postfach. Vor ein paar Tagen bekam ich die Mitteilung, dass ich mich im nächsten Frühjahr auf Besuch aus Südkorea freuen darf. In diesen Momenten verschwinden Ozeane, Ländergrenzen und Streckenangaben. Was bleibt, ist die Freundschaft!
Das gilt nun auch als Motivation für mich den Rucksack wieder zu packen. Zum Glück sind die Flüge nach Stockholm und London schon gebucht.