Mittwoch, 29. September 2010

(29.09.2010) Nach 5 Nächten Couchsurfing und nunmehr 3 Nächten im Hostelbett melde ich mich zurück aus der Queen Street in Auckland. Ich bin also wieder dort, wo alles begann.
Falls es einige noch nicht oder nur brockenweise über den Pazifik erreicht hat, denen bestätige ich an dieser Stelle, dass ich aus meiner Gastfamilie rausgeschmissen wurde. Die Gründe lagen aber weniger bei mir, als bei der unheilbaren Krankheit meiner Gastmutter und der daraus resultierenden Empfindlichkeit gegenüber weiteren äußeren Störfaktoren, zu denen am Ende wohl auch ich gehörte. Wie aus meinem letzten Blogeintrag mehr oder weniger hervorging, möchte ich mich dennoch nicht durch verbale Wutausbrüche revanchieren, denn ich weiß nicht, wie ich selbst mich verhalten würde, wenn ich im Februar die Nachricht erhalten hätte, an MND erkrankt zu sein. Aus meiner Zeit in der Familie habe ich jeodch einiges über mich selbst erfahren und die Bestätigung für einige persönliche Thesen über das Leben erhalten. Wie unwahrscheinlich wäre es, wenn diese Lektionen sich nicht um Kinder drehen würden? Freut euch nun auf eine kurze philosophische Sitzung und versucht, die folgenden Fragen für euch zu beantworten. Ich habe nach 1,5 Monaten Aupair-Arbeit meine persönlichen Antworten darauf gefunden.
Du hast dir deine Wohnung nach deinen eigenen Vorstellungen eingerichtet. Kannst du dir vorstellen, dass dein Mobiliar später zuerst als kunterbuntes Allerlei von Hanna-Montana-Kleenex-Boxen, lachenden Clownsweckern und bunten ABC-Plüschraupen, die zwischen Fenster und Gardinenstange gequetscht sind, wahrgenommen wird?
Wie gefällt dir die Vorstellung, dass alles, was du anfasst, später entweder von Honig- oder Marmeladenresten kleben wird?
Wäre es schön, vom Schokoriegel immer etwas abgeben und in verklebte, schmierige Hände reichen zu müssen, nur um traurig zuzusehen, dass das Kind ohnehin nicht alles schafft und über die Hälfte des angekatschten, vor Speichel treifenden Riegels weggeschmissen wird.
Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass man sein hart verdientes Geld ein Leben lang in Undank und Egoismus investiert? (Meine Eltern werden jetzt lachen.)
Gefällt es dir, den Strandurlaub im ruhigen Privatresort zukünftig für einen Rutschenpark im familienfreundlichen Massenwohnblock einzutauschen?
All das habe ich in meiner Zeit als Aupair miterlebt und weiß von nun an, mit 100%iger Bestätigung, was ich nicht will. Tja, und da werden auch leise Hoffnungsschreie wie "Die Zeit wird ihre Meinung schon noch ändern, wirst du sehen" unerhört bleiben und in der dunklen Höhle der Ignoranz für immer verschwinden. Muhahaha!

Themawechsel: Letzte Woche war ich bei der New Zealand Fashion Week und musste mal wieder mit Wehmut erfahren, dass die Erfüllung mancher Träume eben doch vom Geld abhängig sind. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder vielleicht noch ein bisschen besser, denn ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Neuseeland die Mode wirklich so ernst nimmt. Die Modenschauen fanden in einem großen Zelt statt, so, wie man es schon von der Mercedes-Benz-Fashion-Week in Berlin gewöhnt war. Bis man reingelassen wurde, vergingen lange Minuten des Wartens, da der Andrang an Fashionvictims wahrscheinlich sogar größer war, als das Gehalt des ein oder anderen Designers. Aber auch das lange Rumstehen hatte fast die gleichen Vorteile, wie überhaupt eine Karte für die IMD Designer Show zu ergattern, denn draußen tummelten sich die Models am Hafen und genossen die Sonne - und ich konnte ihnen ungestört dabei zusehen. Zugegeben, ich habe sie angestarrt, weil es sich bei den Prachtexemplaren ausschließlich um Männermodels handelte. Ich will nicht mehr allzu viel darüber verlieren, da die meisten bereits wissen, aus welchen Gründen mein Blick bei unseren männlichen Gefährten öfters mal ins Stocken gerät: Enge Hosen, Ray Ban Clubmaster und dieser freche Blick. Das reicht! Fotos wurden zur Genüge geschossen, nur leider hatte ich einen Tag nach den Shows den Speicherchip meiner Kamera verloren. Die göttlichen Bilder aus meinem Kopf halten jedoch für immer. Im Zelt angekommen, bekam jeder Besucher eine große Tüte mit Werbegeschenken aller Art: Kaffeepulver, Nagellack, Zeitschriften, Müsliriegel etc. Nicht schlecht! Die erste Show begann damit, dass ein weißer Vorhang, der den kompletten Runway abgedeckt hatte, fiel und alle Models, die für einige Sekunden die gleiche Pose hielten, entblößte, damit man das Gesamtkunstwerk, das heißt Sera Lilys Spring Summer Collection, einmal in seiner vollen Pracht genießen konnte. Genussmomente waren natürlich auch die Models wert. Groß, dünn und schön, so schwebten sie in geheimnisvollen Anmut über den Laufsteg und präsentierten leichte, zum größten Teil minimalistische Sommermode. Hätte ich das Geld, wäre ich nun um einige Teile ihrer Kollektion reicher. Und hätte ich das Geld, würde ich nächstes Jahr beginnen, Modedesign zu studieren. Wer hat eigentlich den Konjunktiv erfunden?

(06.Okt.2010)
Schon nachdem ich nur eine Millisekunde damit verbracht hatte, über das letzte Wochenende nachzudenken, spürte ich dieses ganz besondere Gefühl, das mir mitteilte, ich würde etwas legendäres erleben. Ein Zauber lag in der Luft. Und die Konzertticktes zur Unknown Pleasures Celebration mit Peter Hook neben meinem Münzfach in der Geldbörse. Pünktlich um 19.30 Uhr wurden die Tore der Konzerthalle geöffnet und schon konnte ich es wieder fühlen. Faszination, Respekt, Aufregung und Melancholie. 30 Jahre war es nunmehr her, dass sich Joy Division aufgrund von Ian Curtis' tragischem Selbstmord auflösen musste. Doch einer kam und feierte ihn noch immer. Und mit Peter Hook ein Publikum, das aus Zeitgenossen und Teenagern bestand, die immer noch auf die gleiche Musik, die 4 kurze Jahre mit einer "heiligen Stimme" gekrönt war, abfuhren. "Hookie", der Ians Stimme zwar nicht ersetzen, aber die Texte trotzdem mit der gleichen Würde singen konnte, war gut gelaunt und hatte offensichtlich immer noch Spaß am Leben als Rockstar. Ich spürte jeden einzelnen Song von "Unknown Pleasures" bis in mein Mark und musste tanzen, springen oder einfach nur die Augen schließen und darüber nachdenken, wie es wohl damals gewesen war. Ob Peter Hook wieder das gleiche fühlte, wie vor 30 Jahren und ob das Publikum ihn erschreckte, oder stolz machte. Antworten bekomme ich zwar nicht auf meine Fragen, aber dennoch kann ich behaupten, dass ich nun im Ansatz weiß, auch wenn es nur winzige Bruchstücke sind, wie es sich damals angefühlt haben muss, die echte Musik zu lieben und zu leben, als sich der Kommerz noch nicht wie eine Pest über die Radios und Konzerte legte. Vielen Dank dafür, Herr Hook!

Ortswechsel: Paihia, Northland, Neuseeland. Gerade genieße ich die ersten warmen Strahlen der Sommersonne und werde euch demnächst berichten, wie es denn so war. Bis dann!

Dienstag, 21. September 2010

Eben schlug mir wieder ein Brett vor den Kopf. Und so oft wie mir das bereits passiert ist, dürfte ich eigentlich gar nicht mehr in der Lage sein, euch überhaupt noch von irgendetwas zu berichten.
Genau genommen handelt es sich bei dem Brett um ein unerklärliches Phänomen, oder ein ungewolltes Talent. Würde man es nun als unerklärliches Phänomen bezeichnen, werde ich den Verusch unternehmen, es in den nächsten paar Zeilen erklärlich zu machen.
In völligem Frieden mit mir und der Welt, war ich gerade im Begriff die Aromen meines Roibos-Tees in spiritueller Ruhe und im Hintergrund dudelnder Bob Marley Rhythmen zu analysieren, als es mich traf, wie ein Schlag. Ich war gerade dabei, den Tee in dieser Weinverkoster-Manier in meinem Mund zu gurgeln und blickte dabei zufällig nach vorn zur Starbucks-Kasse: Asiatische Verkäuferin, lächelnd, einen südländischen Kunden bedienend. Er bekam seinen Kaffee und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann rutschten die nächsten Kunden ins Bild. "WAS IST DAS?", schrie plötzlich eine Stimme in voller Lautstärke aus meiner unschuldigen Seele und im selben Moment begriff ich, dass die Frage bereits die Antwort gewesen war: "Sie sind wieder da!". Deutsche. Da stehen sie, fünf an der Zahl, in ihren Multifunktionsjacken, Jan Sport Rucksäcken, modischen Jeans aus dem Versandkatalog (stonewashed) und diesen Converse-Plagiaten von Deichmann. Auch die letzte an der Reihe hält ihr praktisches Canvas-Portemonnaie mit Blütenstickerei und vereinzelten Glitzersteinen (auch hier vermute ich Deichmann) bereits in der Hand, um auf alles vorbereitet zu sein. Ich schaue in die Gesichter: Die Augen konzentriert auf die Angebotstafeln gerichtet, die Wangen leicht errötet und die Münder offen. Dann blicken sie sich an und kichern. Lustig, denke ich mir. Im selben Moment frage ich mich, ob man Deutsche wirklich so einfach erkennen kann, obwohl wir doch alle westeuropäische Merkmale aufweisen und uns damit zumindest optisch nicht von Niederländern oder Franzosen unterscheiden sollten, oder ob ich tatsächlich ein Talent besitze, von dem ich lieber nie erfahren hätte. Dann fallen mir die Frisuren, wenn man sie als solche bezeichnen kann, von einigen Mädchen ins Auge. Ich sehe eine Naturkrause, die vermutlich mit einer großen Plastikbürste nach hinten zu einem strengen Zopf gezwängt wurde. Die Folge dessen ist eine halb wellige, halb glatte, fast undefinierbare Haarstruktur. Einige Strähnen, die natürlich ins Gesicht hätten fallen können, wurden mit Bobbypins auf Höhe der Ohren befestigt. Auf die Babyhaare am Stirnansatz legt sich ein leichter Schleier von Schweißperlen. Auch die selbstgefärbten Highlights, die sich vom Ansatz geschieden haben, erscheinen deutlich sichtbar. Eine andere Deutsche aus der Gruppe musste sich wohl vor der Reise ihre straßenköterblonden Haare noch zu Dreadlocks zerstören lassen haben; schließlich muss die Jack Wolfskin-Jacke mit den silbernen Reflektorstreifen mit der Frisur harmonieren, um alle Backpacker-Klischees offensichtlich zur Schau zu stellen.
Und dann, als sie alle ihre Getränke in den Händen halten und gerade dabei sind nach draußen zu marschieren, ruft eine Deutsche den anderen Gästen im Starbucks noch lautstark "Schönen Tag noch" (ja, auf Deutsch) zu. Auf der Straße sehe ich, wie sie sich krümmen vor Lachen. Ich muss auch lächeln, denn fast dachte ich, ich hätte den Wasser und Wind abweisenden Stoff der Multifunktionsjacke wieder knistern hören.

Sonntag, 19. September 2010

(Abschließen:
So weit man die Gedanken in meinem Kopf in Worte fassen könnte, entstünde daraus ein verworrenes Geflecht aus Gemeinheit und Mitgefühl, Wut und Traurigkeit. Dieses Netz aus der Sinnhaftigkeit von Geschriebenem würde sich um die Wände schlingen, in denen ich zu diesem Zeitpunkt wohne, um die Leute und um das traurige Geschehen, das sich in einer teuren Hülle des Scheins und der Entblößung abspielt.
Ein trübes Gemisch aus purer Verzweiflung und nie endender Hoffnung ist es, was Menschen dazu antreibt sich in einem tiefen Strudel dennoch über Wasser zu halten und zumindest im konzentriertesten Punkt, der nur das Primäre, das Reine, enthält eine friedliche Stabilität zu erhalten, um sich nur eine Sekunde länger vor der zerstörerischen Unordnung, die sie umgibt, zu schützen.
Das ist, was ich gelernt habe. Und das ist die Situation, die ich als Außenstehende, oder als Aupair jeden Tag beobachte und miterlebe. In einer Familie, die seit einigen Monaten auf einem Gleis mit sichtbarem Ende fährt und mit aller Kraft versucht, den Ausblick auf die Landschaft so schön wie möglich zu gestalten. Leider fühle ich mich nicht imstande dabei mitzuwirken. Weder als Akteurin, noch als Helferin. Ich bin 19 Jahre alt und von einer jungen Naivität verschleiert, die es mir unmöglich macht, einige Dinge zu verstehen und in bestimmten Momenten richtig zu handeln, oder so, wie man es von mir erwartet. Erwartungen sind stets subjektiv, individuell und auf einen bestimmten Moment begrenzt. Ich bin nicht fähig, in nur einem Moment zu leben. Deswegen habe ich entschlossen, die Familie und dessen Schicksal hinter mir zu lassen. Mit gemischten Gefühlen.)

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Reise startet, oder sich fortsetzt, aber es steht fest, dass mich viel Neues erwartet. Zum ersten Mal werde ich die Stadt verlassen, um die magischen Strände zu sehen, von denen mir so oft erzählt wurde. Ich werde neue Menschen kennenlernen, da ich mich vehement dagegen weigere, Geld für heruntergekommene Absteigen zu bezahlen, in deren Räumen meine Ohren einmal mehr die deutsche Landessprache wahrnehmen würden. Stattdessen werde ich mich bemühen, Ausschau nach privaten Sofas zu halten, um das Land nicht aus der Perspektive stumpfsinniger Touristenführer kennenzulernen.

Im Dezember wird es mich dennoch zurück nach Auckland treiben, vielleicht auf einer großen Welle direkt in die Konzertarena, in der ich entspannte Gitarrenklänge und Jack Johnsons scheue Sonnenuntergangsstimme im Duett genießen werde.

In zwei Wochen freue ich mich darauf, einen Bruchteil legendärer Musikgeschichte mitzuerleben. Peter Hook, Bassist von Joy Division, kommt nach Auckland, um das unbeschreibliche Album "Unknown Pleasures" und das Leben Ian Curtis' zu feiern. Ich weiß, ich werde fliegen. In Ekstase. Ich hoffe, es wird nicht zu emotional. Es folgt ein Gedanke an alle Toten. Auch Kurt.

Nächstes Wochenende berichte ich dann von der New Zealand Fashion Week, denn ich habe ein Ticket für verschiedene Shows gekauft. Aufgeregter bin ich jedoch auf den Streetstyle des Publikums. Ich erwarte Inspiration, Kunst und gute Stimmung. Mode eben.

Das Spannendste aus der Vergangenheit passierte gestern abend: Ich ging aus. Und es war schön!

Sonntag, 12. September 2010

Schon bevor ihr die nächsten paar Sätze lesen werdet, bitte ich euch hiermit um Verzeihung. Bitte verzeiht mir! Dieser Eintrag enthält lauter Feststellungen mit mehr, weniger oder gar keinen Zusammenhängen. Den Roten Faden bildet lediglich die Tatsache, dass ich, weil ich den ganzen Tag unterwegs war, müde bin, jetzt halb sitzend, halb liegend auf meinem Bett sitzliege und nicht in der Lage bin, lange, sinnvolle Sätze zu bilden, die am Ende ein großes Ganzes ergeben. Dennoch bemühe ich mich, die Feststellungen in eine chronologische Reihenfolge zu bringen.

Fangen wir am besten ab Freitag an:
Vergessen!

Also, Samstag:
1. Kekse können mich davon abhalten, ins Fitnessstudio zu gehen.
2. Wenn ich in meinen Bauch kneife, spüre ich dennoch weniger Fett.
3. Es steht 1:0 für das Fitnessstudio gegen die Keksmafia.
4. "Scott Pilgrim Vs. The World" ist ein empfehlenswerter, lustiger, durchgeknallter Film mit einem hochgradig sympathischen Protagonisten.
5. Sushi von "Kubick" ist das beste, was hemmungslose Seelachsjäger, gnadenlose Japaner und messerscharfe Messer zu bieten haben.
6. "Greenpeace" kann nichts dagegen tun, denn was schmeckt, schwimmt ohnehin schon in meinem Magen.
7. Man kann Türen auch leise zu machen, wenn man es wirklich will.
8. Über das fetteste Kind der Welt auf "Youtube" zu lachen, ist moralisch nicht verwerflich, sondern wirklich lustig.
9. Wer hätte das gedacht? Ich habe mindestens 3 Kugeln in 5 Runden Billard versenkt.
10. Der Kopf kann noch so schön, der V-Ausschnitt noch so tief sein; wer "Bootcut" trägt, ist raus.
11. Diese Knöchel-Nikes gehen mir auch langsam auf die Nerven.
12. Ich kann mich nicht mal mehr peinlich zu schlechter Musik benehmen, wenn ich betrunken bin. Stattdessen muss ich gehen.
13. Man kann Freunde neben dem Bett verstecken.

Sonntag:
14. Früh aufstehen ist schlimm, aber am Sonntag nicht schlimmer.
15. Vintage-Mode ist in Neuseeland viel zu teuer.
16. Schwaben sind kanuserig.
17. Es wird hart für Kristen Steward, jemals wieder das Twilight-Image abzulegen.
18. Ich habe Kristen Steward die Rolle als Joan Jett nicht abgekauft.
19. Schwaben sind kontinuierlich verwirrt.
20. Der englische Akzent ist immer noch der beste.
21. Müdigkeit ist der effizienteste Grund, diese Liste zu beenden.

Samstag, 4. September 2010

Schwärmerisch ,genüsslich, dunkel, legendär, emotional, verschwitzt, erstaunlich, bunt. So waren die letzten Tage. Aber fangen wir einmal von vorn an.

Vor circa einer Woche klingelte es an der Haustür. Kurz danach wurde ich gebeten, einmal nach draußen zu kommen, um jemanden kennenzulernen. Wer wollte mich denn kennenlernen? Vielleicht der Schöne, der mir letztens am Bahnhof auf der Rolltreppe entgegen kam und dem ich durch einen (zu) offensichtlich verliebten Blick hinterherstarrte und dabei noch irgendeinen schwärmerischen Ton von mir gab? Eigentlich habe ich in dem Bruchteil dieser Sekunde lediglich seine zauberhaften Haare und die schönen Sachen gesehen, aber das hat gereicht, nicht zuletzt, weil er meine Perplexität auch noch mit einem "Hey!" würdigte. Doch so schnell wie seine Schönheit gekommen war, verschwand sie auch wieder am Ende der Rolltreppe.
Stattdessen begrüßte mich unsere Nachbarin, die vorbeigekommen war, um meine Gasteltern kennenzulernen. Zufällig erwähnte sie vor ihnen, dass bei ihr ebenfalls ein Aupair wohnte, eine 21-jährige Engländerin, die ich unbedingt kennenlernen sollte. Überraschenderweise begrüßte mich die Nachbarsfrau auf Deutsch, sodass meine Gasteltern, die neben uns standen, nun in die verflixte Situation gekommen waren, einem wunderbar hrarrrrchschakr-ischem Gespräch zu folgen. Man sah ihnen die Qual an, die wir ihren Ohren antaten. Später am Abend, besuchte ich "the girl next door", um mich vorzustellen. Es gibt Leute, die einem sofort sympatisch sind. Aisha war eine davon. Wir unterhielten uns bis spät und nachdem ich ihren englischen Akzent nur so genüsslich aufgesogen hatte, erzählte ich es ihr auch. "I love your accent!". Sie bedankte sich und ich ging. In den letzten Tagen sahen wir uns wieder und entkamen eines Nachts knapp dem Tod. Es war so stürmisch draußen, dass sogar der Regenschirm zerbrach. Das mit dem Tod war dennoch übertrieben.
Am zweiten September stand der beste Tag seit zwei Monaten auf meinem Programm. D.I.M. live in Auckland. Be Club, Commerce Street Nummer 8. Beginn: 02:00 Uhr. Aufgeregt wie lange nicht, irrte ich mit meiner Freundin durch die Dunkelheit, bis wir den Club endlich gefunden hatten. Zunächst entschied ich mich, die Lage zu analysieren und jeden Einzelnen, der mir ins Blickfeld kam, zu mustern. Enttäuscht stellte ich fest, dass die Mädchen aussahen wie Tussis; viel zu kurze Kleider und zu viel Schnickschnack um den Hals. Eine präsentierte mit jedem holprigen Schritt auf ihren viel zu hohen Heels sogar ihre Arschbacken. Geschmackssache. Und die Jungs: Bootcut-Jeans, Nikes, und geschmacklose Tshirts weit und breit. Bis auf eine Ausnahme mit V-Neck Shirt, Skinnies und vintage Jeansweste. Aber der war, glaube ich, schwul, denn seine Freunde schienen öfters mal Tektonik in ihrer Freizeit zu tanzen. (Wer nicht weiß, was das ist: Youtube Stichwort "Jelle - A cause des garcons") Doch um zwei Uhr früh ging es los. Die ersten Heimatklänge drangen in mein Hörwerk und alles Adrenalin, das sich durch die Nichtbenutzung von Achterbahnen und anderen Dingen, die ich bisher für zu gefährlich in meinem Leben hielt, angestaut hatte, wurde spätestens beim Remix von "Lemonade" komplett ausgeschüttet. So donnerte ich mich durch die legendäre Nacht, in der mich die Sensibilität der Heimat meiner Seele emotional berührte und nur noch ich und die Musik in einer melancholisch aufregenden Atmosphäre tanzten, schwebten und alle Grenzen verschwanden. Meine Freundin saß müde auf einer Bank in einer finsteren Ecke und hustete vor sich hin. Nach ein paar Stunden war der Zauber vorbei. Ich fand mich verschwitzt in einem Taxi Richtung Ellerslie wieder und dachte nach, bis mich der Taxifahrer verwundert fragte, worüber ich mich denn so freuen würde.
Heute besuchte ich ein Reservat in New Lynn, dem Stadtteil, in dem meine deutsche Freundin als Aupair arbeitet. Jetzt, in den ersten Tagen des Frühlings, erscheint mir alles noch viel bunter und lebendiger. Kaum, dass ich ein kleines Fleckchen Rasen betreten hatte, musste ich auch schon anhalten, um einem langbeinigen Pukeko, der mit geschwollener Brust den Weg entlang stolzierte, Vorrang zu gewähren. Es ist erstaunlich, wie zutraulich die Tiere, vorallem die Vögel hier in Neuseeland sind. Als ich mich gerade vorsichtig an zwei schwarze Schwäne heranschlich, die sich mit ihren Küken am Ufer des im Park gelegenen Sees aufhielten, beschlossen diese prompt, mir ihren Nachwuchs aus nächster Nähe zu präsentieren und bewegten sich in aller Gelassenheit auf mich und mein Kameraobjektiv zu, sodass ich sie in aller Schönheit festhalten konnte. Später erlebte ich noch einen Rosenkrieg zwischen zwei Gänsen mit, an dem noch andere Parteien beteiligt waren und sich gegenseitig die Federn ausrissen und in ihre Hälse bissen. Nachdem ich das Schlachtfeld durchquert hatte, hätte man meinen schwarzen Mantel mit einer weißen Daunenjacke verwechseln können. Überall begegneten mir Unfassbarkeiten. Seien es die Osterglocken, die sich dicht an dicht über eine ganze Rasenfläche erstreckten oder Aale, die gierig an der Wasseroberfläche zusammen mit Enten, Möwen und Gänsen um ein paar Scheiben Toast rangen.
Andere beim Essen, oder noch schlimmer, beim Fressen zu beobachten macht hungrig. Also beschloss ich nach meinem Besuch im Park, mir ebenfalls etwas Leckeres zu gönnen - womit ich nicht sagen will, dass ich aufgeweichtes Toast in Fischwasser schmackhaft finde.
Zu Hause fanden sich noch ein paar Stücken des leckeren Kuchens, den vor kurzen jemand vorbeigebracht hatte. Und da ich euch diesen einzigartigen Genuss nicht vorenthalten will, gibt es hier das exklusive Rezept:

Zutaten für den Teig: 400g Reiskekse grob zerhackt, 1/2 Tasse (ca. 100g) Kokosraspel, 200g getrocknete Aprikosen grob zerhackt, 1/2 Packung Kondensmilch, 125g Butter (geschmolzen)

Zutaten für den Guss: 2 Esslöffel geschmolzene Butter, geriebene Schale einer Zitrone, 2 Tassen Puderzucker, je zwei Teelöffel Zitronensaft und Wasser (ggf. etwas mehr Wasser als Zitronensaft), 2 Esslöffel Kokosraspel

Zubereitung: (Für diesen Kuchen benötigt man keinen Ofen, nur einen Kühlschrank!) 32cm x 21cm großes Backblech mit Backpapier auslegen. Alle Zutaten für den Teig zusammenfügen und verrühren. Die Masse gleichmäßig auf dem Backblech verteilen und in den Kühlschrank stellen. Für den Guss die entsprechenden Zutaten, bis auf die Kokosraspel, zusammenmixen. Ein weinig Wasser hinzufügen, falls der Guss noch nicht weich genug ist. Auf der Teigmasse verteilen und zum Schluss die Kokosraspel drüberstreuen. Kuchen in kleine Quadrate schneiden. Fertig.