Bevor ich mit einem neuen Kapitel beginne, wird es Zeit, Resonanz zu ziehen. Innerhalb der neun Monate, die ich in Neuseeland verbracht hatte, war ich 165 Tage damit beschäftigt, Geld zu verdienen. Die Jobs waren so unterschiedlich wie meine Vorgesetzten: Die Familie, die den Schlägen des Schicksals ausgesetzt war, der geldgierige Farmer, die fleißigen Obst- und Gemüsehändler und die ... Chinesen - alle hatten mich für mindestens einen Monat als Arbeitskraft eingespannt. Für meinen letzten Job zog es mich zurück nach Roxburgh, wo ich im Januar schon einmal gearbeitet hatte. Diesmal jedoch blieb ich im "Stadtzetrum" (belassen wir es bei diesem Ausdruck, da ich von einem "Dorfzentrum" noch nie etwas gehört habe), um mich nichtsahnend bei meinen zukünftigen chinesischen Kollegen vorzustellen. Die Aufgaben, die mir Lisa und Bob erteilten, hörten sich an, wie die täglichen Strapazen, mit denen ein durchschnittlicher Küchenpraktikant in Deutschland zu kämpfen hatte: Geschirr abspülen, Oberflächen reinigen, Boden wischen. Mein wöchentliches Gehalt war schon ausgemacht. "Easy", dachte ich mir.
Einen Monat später: Lisa und Bob waren gegangen, ich stand an der Kasse und schaute mir die Deckenbeleuchtung im Verkaufsraum an, die aus Stromspargründen ausgeschaltet wurde, während sich mein Boss und seine Mutter hinter mir mit Hackfleisch gefüllten Blätterteigtaschen beschmissen. An dieser Stelle würde ich mich gerne als "künstlerisches Mittel" bezeichnen, denn in jedem spannungsgeladenen, dynamischen Kunstwerk gibt es auch immer einen Ruhepunkt, der Ausgleich schafft. So starrte ich, meinen Kopf auf die Hände gestützt, an die Decke, lauschte dem tosenden Geschrei auf Chinesisch und wartete ab, bis sich der Blätterteig und die Hackfleischmasse auf dem Küchenboden verteilt hatte, damit ich ihn, nachdem sich der Sturm gelegt hatte, wischen konnte. Dann war wieder alles im Reinen, bis der nächste Sturm aufzog. Situationen dieser Art erlebte ich circa jeden bis jeden zweiten Tag, als ich im Chinesischen Dairy & Takeaway angestellt war. Dramatisch wurde es immer, wenn zwei bis drei Mal pro Woche Tränen flossen, weil sich Mutter und Sohn gegenseitig den Rausschmiss drohten, oder über die Portionsgröße der bei den Kunden noch einzig beliebten "2-Dollar-Chips" gestritten wurde. Auch mich versuchte Mutti schon zwei Mal vor die Tür zu setzen, was sie mir wild gestikulierend auf Chinesisch mitzuteilen versuchte. Ausgangspunkt aller Streits, so viel hatte ich bereits mitbekommen, war Geld. Mutti wollte sparen, mein Chef investieren. Und wenn sie, nachdem sie sich gegenseitig Hiebe verpasst hatten, immer noch nicht zu einem Kompromiss gekommen waren, wurde der Vater in China zur Skype-Konferenz zugeschaltet. Dann kreischten drei Chinesen wie aufgescheuchte Hühner, versammelt im und um den Computer. Ich war in der Zwischenzeit meistens damit beschäftigt mich vor den Kunden für die lautstarken Auseinandersetungen im Hintergrund zu rechtfertigen, was ich meistens durch ein verzweifeltes Schulterzucken ausdrückte. Über die Kundschaft hätte ich mir aber eigentlich gar nicht so viele Gedanken machen müssen, denn entweder betraten den Laden Durchreisende, die ohnehin nicht wiedergekommen wären, Stammkunden, die wegen ihrer Nikotinsucht täglich zurück in den Laden fanden, oder Jugendiche, die auf die Frage "Wo kommst du denn noch so spät her" mit "Aus dem Knast" antworteten. Die meisten, die einst wegen der Speisen gekommen waren, hatten ihren Nahrungsversorger aufgrund sich anhäufender Beschwerden über die Qualität des Essens ("innen noch gefroren", "geschmacklos") bereits gewechselt. Manchmal geschah es auch, dass mein aufmerksamer Chef schon bevor sich die Kunden selbst ein Bild von der Mahlzeit machen konnten, vorwarnte, dass die Nudeln heute "einfach nicht gut" wären. Aber es gab auch gute Tage, an denen Mutti mich dazu bringen würde, Meditationsübungen hinter der Ladentheke zu praktizieren, während sie mir den Kopf massierte. Manchmal war sie sogar an meiner Meinung interessiert, als sie sich vor mir überbeugte und mir ihren grauen Haaransatz ins Gesicht hielt. Da sie kein Englisch verstand, sagte ich immer "Hmm...no hao, no hao" (nicht gut, nicht gut). Sonst passierte nicht viel im kleinen, verschlafenen Roxburgh, außer, dass eines Abends ganz in der Nähe des Takeaways ein Mann seine Ehefrau erschoss und danach versucht hatte, sein eigenes Leben zu beenden. Wer nicht imstande gewesen war, die täglichen Folgen "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" auf Chinesisch in der Nachbarschaft zu ignorieren, hätte das selbe getan, doch überraschenderweise zeigte sich der Rest der Anwohner als solide. Tja," nur die Harten komm' in' Garten", und die anderen katapultieren sich gleich in den Himmel, oder so...
Nach dieser ehrlichen Resonanz sei mir nicht vergönnt, dass ich als nächsten Halt die Fiji-Inseln auserkoren hatte. Irgendwie fühlte es sich nämlich so an, als bräuchte ich Urlaub. Die Arbeit des künstlerischen Mittels sei nicht unterschätzt und an dieser Stelle vor allem nicht belächelt, liebe Freunde!
Die ersten vier Tage verbrachte ich in Nadi, einer der zwei großen Städte auf der Hauptinsel Viti Levu. Dort nächtigte ich bei Paul und Diane, meiner Gastfamilie, die ich durch einen Tipp bei Couchsurfing.com gefunden hatte. Das Heim der beiden erinnerte eher an ein Hostel, als an ein Eigenheim, da drei Zimmer nur für Couchsurfer vorgesehen waren und sich am Abend alle interntionalen Gäste in der Lounge zum Fernsehen oder Reden versammelten. Während meinem Aufenthalt in Malawai, dem Stadtteil, in dem Paul und Diane wohnten, lernte ich zwei Italiener, drei Deutsche und zwei Amerikaner kennen. Außerdem hausierten im unteren Geschoss des Hauses zwei Fijianer, deren Absicht es war, den Couchsurfern Tagestouren auf die anderen Inseln anzudrehen oder sie einfach in der Stadt herumzuführen. Ich entschied mich gleich für das volle Programm: sich etwas andrehen und herumführen zu lassen. Andrehen hört sich aber zu negativ an, wenn man in Betracht zieht, dass sie mir den Transport nach Mana und Nanuya Lailai organisiert hatten. Die folgenden sieben Tage verbrachte ich also auf der eben erwähnten Insel Mana, die sich zur Gruppe der Mamanucas zählte. Untergebracht war ich in einem Zelt, das man auf dem Gelände eines Resorts für mich errichtete. Obwohl ich meistens schon um sechs Uhr früh durch die stickige, heiße Luft schweißgebadet aufwachte, sank meine Laune dadurch nicht, da die Aussicht auf eine Abkühlung im Pazifik nur 15m von mir entfernt war. Die meiste Zeit verbrachte ich auf der Insel damit, die Unterwasserwelt zu erkunden. Und dabei spreche ich wirklich von einer Welt. Eine Welt, die besiedelt ist von den friedlichsten Kreaturen, die mir über Wasser nie begegnen werden, nicht mal, wenn mir Gandhi einen schönen Tag hätte wünschen wollen. Nur die Clownfische beäugten mich ein wenig skeptisch aus ihren Korallen, bis auch sie mich akzeptierten. Nachdem ich meinen Tauchkurs begonnen hatte, musste ich zunächst mehr oder weniger unangenehme Übungen absolvieren, wie z.B. die Taucherbrille unterwasser ab- und wieder aufsetzen, doch nachdem ich alle Hürden genommen hatte, wurde ich mit dem wunderbaren Fähigkeit belohnt, schweben zu können. Ich sank nicht, stieg nicht auf, sondern gleitete zusammen mit den Fischen und meinen Tauchbuddys mühelos durchs Wasser. Zum Glück waren meine Befürchtungen hinsichtlich des Atmens unbegründet. Wer schnorcheln kann, der kann auch tauchen! Am Ende des Kurses erhielt ich meinen Tauchschein, der es mir von nun an erlaubt, überall auf der Welt bis zu 18m tief zu tauchen. Vielleicht waren die Haie, Meeresschildkröten, Wasserschlangen, Seesterne und die zauberhaften bunten Fische auch nur ein Vorgeschmack auf das, was mich da unten noch erwarten könnte? Oberhalb der Wasseroberfläche sparte man aber auch nicht mit der Unterhaltung. Das abendliche Programm im Resort war ziemlich vielfältig und bestand zumeist aus traditionellen Tänzen zu entspannender Musik aus Fiji, Feuershows, kitschigen Spielen oder Kawa-Zeremonien. Jeder, der einmal auf Fiji war, hat Kawa probiert, das Nationalgetränk, das so schmeckt wie alte Socken riechen, die Zunge für ein paar Sekunden betäubt und angeblich müde machen soll. Ich spürte lediglich ein Kribbeln in meinem Mund, derart schläfrig fühlte ich mich nach der Einnahme aus einer Kokosschale jedoch nicht. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass ich jedes Mal nur nach "low tide" also Ebbe fragte. Bei regelmäßigem, der high-tide entsprechendem Genuss des Getränkes könnte ich mir eine gesundheitsbeeinflussende Wirkung allerdings nicht verdenken. Nicht umsonst hätte mir ein Einheimischer verraten, er sei jetzt endlich vom Gras und Kawa runter.
Nachdem ich sechs Nächte auf Mana verbracht hatte, führte mich meine Reise weiter nach Nanuya Lailai, eine kleine Insel, die man in einer Stunde zu Fuß umrunden konnte und sich zur Inselgruppe der Yasawas zählte. Der Tag meiner Ankuft war gleichzeitig auch mein Geburtstag und zufällig auch der erste Regentag seit meiner Einkehr in Fiji. Zunächst war ich zwar ein wenig betrübt wegen des Wetters. Doch als mir klar wurde, dass es schon allein ein Geschenk war, meinen Zwanzigsten überhaupt auf Fiji erleben zu dürfen, beschloss ich, das beste aus dem Tag herauszuholen. Und das bedeutete konkret, mir die existierende, absolute Schönheit einfach vom Baum zu pflücken. Endlich hatte ich meine Lieblingsblume, Frangipani, in echt gesehen. Und gerochen! Die folgenden 3 Tage verbrachte ich auf der anderen Seite der Insel, die den wunderbaren Namen "Blaue Lagune" trug. (Filmtipp: "Blue Lagoon" mit Brooke Shields). Mein Lonely Planet Reiseführer hatte nicht zu viel versprochen: Schneeweißer Strand, Kokospalmen und türkisblaues Meer. Manchmal bedeuten Klischees einfach die Wahrheit. Und von einem kitschigen Klischee könnte man dann sprechen, sobald ich von meinem Pina Colada erzähle, den ich in einer Hängematte direkt am Strand geschlürft habe, umgeben vom wundervollen süßen Duft der Frangipanis. Auf dem Rückweg zu meinem Resort kurz vor Sonnenuntergang lernte ich den Mitarbeiter eines anderen Hotels kennen, der mich bis zu seinem Dorf, das geich neben meiner Unterkunft gelegen war, begleitet hatte. Am nächsten Tag zeigte er mir, wie man Kokosnüsse knackte und den leckeren Saft aus einem wortwörtlichen Strohhalm trank. Zum Abend hin hatte ich schon reichlich "intus". Nach dem Abendbrot legte ich mich meitens an den Strand, um mir den Sternenhimmel anzusehen, der hier auf den Inseln so klar ist, wie nirgends sonst. Die Milchstraße erschien mir wie ein breiter Pinselstrich funkelnder Diamanten am sonst so tiefschwarzen Nachthimmel und alle paar Minuten erlaubte mir eine vorbeiziehende Sternschnuppe einen Wunsch zu äußern. Wenn das alles in Erfüllung geht, muss Weihnachten dieses Jahr wohl zwei Mal gefeiert werden. Neues folgt bald! :)