Freitag, 29. Juli 2011
Vor ein paar Monaten in Peking war ich nämlich über die Bekanntschaft zweier chinesischer Mädchen, die sich mir plötzlich auf der Straße selbst als Reisende vorstellten und mich zum Kennenlernen in ein nahegelegenes Teehaus einluden außerordentlich erfreut. Dass mich das zweifellos nette Gespräch mit meinen beiden "Freundinnen" inklusive der zwei überaus leckeren Tassen Tee mehr als umgerechnet 50€ kosten sollten, ließ mich zu dem Schluss kommen, doch nicht jedem Dahergelaufenen sofort mein Vertrauen zu schenken. Diese Lektion kostet mich dennoch sehr viel Disziplin.
Wie viel Disziplin bekannte Schauspieler aufbringen müssen, um sie verfolgende Paparazzi nicht mit Verbalattacken zu beleidigen, realisierte ich während meiner täglichen Touren durch chinesische Park- und Tempelanlagen, denn kaum nachdem ich das hektische Straßentreiben verlassen hatte, um mir die kulturellen Schätze des Landes anzusehen, hatten die umherlaufenden Chinesen ein weitaus lebendigeres Motiv im Visir. Mich. Zunächst tolerierte ich die um mich herum stehenden Menschentrauben mit ihren Digitalkameras vor ihren grinsenden Gesichtern sogar noch, doch nachdem mir einige von ihnen sogar hinterhergeeilt kamen, beschloss ich meine Augen durch eine schwarze Sonnenbrille zu verdecken, um so zumindest jeglichen zufälligen Blickkontakt zu vermeiden. Wirkungsvoll war das Täuschungsmanöver trotzdem nicht. Jetzt noch ein kleiner Tipp am Rand: Alle, die sich nach etwas mehr Aufmerksamkeit in ihrem Leben sehnen, sind mit europäischen Gesichtszügen und heller Haut bestens in China aufgehoben.
Auch meine Orientierungsschwäche machte mir nicht gerade mehr Lust auf weitere Fußmärsche durch unbekannte Länder, vor allem nicht in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, wobei das Wort "Märsche" keinesfalls eine Übertreibung darstellt. Peinlich wurde die Sache, nachdem ich nach einer Einkaufstour, bei der ich mich ebenfalls mehrmals verirrt hatte, nicht mehr zum Eingang meines Hostels fand. Das Paradoxe daran war, dass, trotzdem ich das hohe Gebäude sehr wohl erkennen konnte, die Gasse, die dort hin führte, partout nicht aufzufinden war. So wanderte ich gefühlte 100 Mal um den gleichen Straßenblock und konnte etappenweise beobachten, wie ein frisch verliebtes Pärchen ihre Cappuccinotassen leerte. Was ihnen nach meiner dritten Umrundung wohl nicht mehr ausging, war der Stoff zum Lachen.
Traurig hingegen verliefen die ständig wiederkehrenden Abschiede auf meiner Reise, der wohl härteste Teil im Leben eines Rucksacktouristen. Zum Punkto Freundschaften gibt es nämlich folgendes zu sagen: Trotz rauschender Abenteuer, geteilter Freuden und gemeinsamer Entdeckungen ließ sich am Ende ihrer Tramperfahrten auch der Abschied zwischen Sal Paradise und Dean Moriarty nicht verhindern. Ganz ohne literarische Fähigkeiten schreibt auch das Leben derartige Erfahrungen. Die Leute kommen und gehen. Man winkt dem anderen zu und was bleibt ist die Erinnerung und die Erkenntnis, dass wir zumindest alle auf dem gleichen Planeten wohnen. Echte, beständige Freundschaften schaffen es sogar bis ins Email-Postfach. Vor ein paar Tagen bekam ich die Mitteilung, dass ich mich im nächsten Frühjahr auf Besuch aus Südkorea freuen darf. In diesen Momenten verschwinden Ozeane, Ländergrenzen und Streckenangaben. Was bleibt, ist die Freundschaft!
Das gilt nun auch als Motivation für mich den Rucksack wieder zu packen. Zum Glück sind die Flüge nach Stockholm und London schon gebucht.
Dienstag, 3. Mai 2011
Bevor ich mit einem neuen Kapitel beginne, wird es Zeit, Resonanz zu ziehen. Innerhalb der neun Monate, die ich in Neuseeland verbracht hatte, war ich 165 Tage damit beschäftigt, Geld zu verdienen. Die Jobs waren so unterschiedlich wie meine Vorgesetzten: Die Familie, die den Schlägen des Schicksals ausgesetzt war, der geldgierige Farmer, die fleißigen Obst- und Gemüsehändler und die ... Chinesen - alle hatten mich für mindestens einen Monat als Arbeitskraft eingespannt. Für meinen letzten Job zog es mich zurück nach Roxburgh, wo ich im Januar schon einmal gearbeitet hatte. Diesmal jedoch blieb ich im "Stadtzetrum" (belassen wir es bei diesem Ausdruck, da ich von einem "Dorfzentrum" noch nie etwas gehört habe), um mich nichtsahnend bei meinen zukünftigen chinesischen Kollegen vorzustellen. Die Aufgaben, die mir Lisa und Bob erteilten, hörten sich an, wie die täglichen Strapazen, mit denen ein durchschnittlicher Küchenpraktikant in Deutschland zu kämpfen hatte: Geschirr abspülen, Oberflächen reinigen, Boden wischen. Mein wöchentliches Gehalt war schon ausgemacht. "Easy", dachte ich mir.
Einen Monat später: Lisa und Bob waren gegangen, ich stand an der Kasse und schaute mir die Deckenbeleuchtung im Verkaufsraum an, die aus Stromspargründen ausgeschaltet wurde, während sich mein Boss und seine Mutter hinter mir mit Hackfleisch gefüllten Blätterteigtaschen beschmissen. An dieser Stelle würde ich mich gerne als "künstlerisches Mittel" bezeichnen, denn in jedem spannungsgeladenen, dynamischen Kunstwerk gibt es auch immer einen Ruhepunkt, der Ausgleich schafft. So starrte ich, meinen Kopf auf die Hände gestützt, an die Decke, lauschte dem tosenden Geschrei auf Chinesisch und wartete ab, bis sich der Blätterteig und die Hackfleischmasse auf dem Küchenboden verteilt hatte, damit ich ihn, nachdem sich der Sturm gelegt hatte, wischen konnte. Dann war wieder alles im Reinen, bis der nächste Sturm aufzog. Situationen dieser Art erlebte ich circa jeden bis jeden zweiten Tag, als ich im Chinesischen Dairy & Takeaway angestellt war. Dramatisch wurde es immer, wenn zwei bis drei Mal pro Woche Tränen flossen, weil sich Mutter und Sohn gegenseitig den Rausschmiss drohten, oder über die Portionsgröße der bei den Kunden noch einzig beliebten "2-Dollar-Chips" gestritten wurde. Auch mich versuchte Mutti schon zwei Mal vor die Tür zu setzen, was sie mir wild gestikulierend auf Chinesisch mitzuteilen versuchte. Ausgangspunkt aller Streits, so viel hatte ich bereits mitbekommen, war Geld. Mutti wollte sparen, mein Chef investieren. Und wenn sie, nachdem sie sich gegenseitig Hiebe verpasst hatten, immer noch nicht zu einem Kompromiss gekommen waren, wurde der Vater in China zur Skype-Konferenz zugeschaltet. Dann kreischten drei Chinesen wie aufgescheuchte Hühner, versammelt im und um den Computer. Ich war in der Zwischenzeit meistens damit beschäftigt mich vor den Kunden für die lautstarken Auseinandersetungen im Hintergrund zu rechtfertigen, was ich meistens durch ein verzweifeltes Schulterzucken ausdrückte. Über die Kundschaft hätte ich mir aber eigentlich gar nicht so viele Gedanken machen müssen, denn entweder betraten den Laden Durchreisende, die ohnehin nicht wiedergekommen wären, Stammkunden, die wegen ihrer Nikotinsucht täglich zurück in den Laden fanden, oder Jugendiche, die auf die Frage "Wo kommst du denn noch so spät her" mit "Aus dem Knast" antworteten. Die meisten, die einst wegen der Speisen gekommen waren, hatten ihren Nahrungsversorger aufgrund sich anhäufender Beschwerden über die Qualität des Essens ("innen noch gefroren", "geschmacklos") bereits gewechselt. Manchmal geschah es auch, dass mein aufmerksamer Chef schon bevor sich die Kunden selbst ein Bild von der Mahlzeit machen konnten, vorwarnte, dass die Nudeln heute "einfach nicht gut" wären. Aber es gab auch gute Tage, an denen Mutti mich dazu bringen würde, Meditationsübungen hinter der Ladentheke zu praktizieren, während sie mir den Kopf massierte. Manchmal war sie sogar an meiner Meinung interessiert, als sie sich vor mir überbeugte und mir ihren grauen Haaransatz ins Gesicht hielt. Da sie kein Englisch verstand, sagte ich immer "Hmm...no hao, no hao" (nicht gut, nicht gut). Sonst passierte nicht viel im kleinen, verschlafenen Roxburgh, außer, dass eines Abends ganz in der Nähe des Takeaways ein Mann seine Ehefrau erschoss und danach versucht hatte, sein eigenes Leben zu beenden. Wer nicht imstande gewesen war, die täglichen Folgen "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" auf Chinesisch in der Nachbarschaft zu ignorieren, hätte das selbe getan, doch überraschenderweise zeigte sich der Rest der Anwohner als solide. Tja," nur die Harten komm' in' Garten", und die anderen katapultieren sich gleich in den Himmel, oder so...
Nach dieser ehrlichen Resonanz sei mir nicht vergönnt, dass ich als nächsten Halt die Fiji-Inseln auserkoren hatte. Irgendwie fühlte es sich nämlich so an, als bräuchte ich Urlaub. Die Arbeit des künstlerischen Mittels sei nicht unterschätzt und an dieser Stelle vor allem nicht belächelt, liebe Freunde!
Die ersten vier Tage verbrachte ich in Nadi, einer der zwei großen Städte auf der Hauptinsel Viti Levu. Dort nächtigte ich bei Paul und Diane, meiner Gastfamilie, die ich durch einen Tipp bei Couchsurfing.com gefunden hatte. Das Heim der beiden erinnerte eher an ein Hostel, als an ein Eigenheim, da drei Zimmer nur für Couchsurfer vorgesehen waren und sich am Abend alle interntionalen Gäste in der Lounge zum Fernsehen oder Reden versammelten. Während meinem Aufenthalt in Malawai, dem Stadtteil, in dem Paul und Diane wohnten, lernte ich zwei Italiener, drei Deutsche und zwei Amerikaner kennen. Außerdem hausierten im unteren Geschoss des Hauses zwei Fijianer, deren Absicht es war, den Couchsurfern Tagestouren auf die anderen Inseln anzudrehen oder sie einfach in der Stadt herumzuführen. Ich entschied mich gleich für das volle Programm: sich etwas andrehen und herumführen zu lassen. Andrehen hört sich aber zu negativ an, wenn man in Betracht zieht, dass sie mir den Transport nach Mana und Nanuya Lailai organisiert hatten. Die folgenden sieben Tage verbrachte ich also auf der eben erwähnten Insel Mana, die sich zur Gruppe der Mamanucas zählte. Untergebracht war ich in einem Zelt, das man auf dem Gelände eines Resorts für mich errichtete. Obwohl ich meistens schon um sechs Uhr früh durch die stickige, heiße Luft schweißgebadet aufwachte, sank meine Laune dadurch nicht, da die Aussicht auf eine Abkühlung im Pazifik nur 15m von mir entfernt war. Die meiste Zeit verbrachte ich auf der Insel damit, die Unterwasserwelt zu erkunden. Und dabei spreche ich wirklich von einer Welt. Eine Welt, die besiedelt ist von den friedlichsten Kreaturen, die mir über Wasser nie begegnen werden, nicht mal, wenn mir Gandhi einen schönen Tag hätte wünschen wollen. Nur die Clownfische beäugten mich ein wenig skeptisch aus ihren Korallen, bis auch sie mich akzeptierten. Nachdem ich meinen Tauchkurs begonnen hatte, musste ich zunächst mehr oder weniger unangenehme Übungen absolvieren, wie z.B. die Taucherbrille unterwasser ab- und wieder aufsetzen, doch nachdem ich alle Hürden genommen hatte, wurde ich mit dem wunderbaren Fähigkeit belohnt, schweben zu können. Ich sank nicht, stieg nicht auf, sondern gleitete zusammen mit den Fischen und meinen Tauchbuddys mühelos durchs Wasser. Zum Glück waren meine Befürchtungen hinsichtlich des Atmens unbegründet. Wer schnorcheln kann, der kann auch tauchen! Am Ende des Kurses erhielt ich meinen Tauchschein, der es mir von nun an erlaubt, überall auf der Welt bis zu 18m tief zu tauchen. Vielleicht waren die Haie, Meeresschildkröten, Wasserschlangen, Seesterne und die zauberhaften bunten Fische auch nur ein Vorgeschmack auf das, was mich da unten noch erwarten könnte? Oberhalb der Wasseroberfläche sparte man aber auch nicht mit der Unterhaltung. Das abendliche Programm im Resort war ziemlich vielfältig und bestand zumeist aus traditionellen Tänzen zu entspannender Musik aus Fiji, Feuershows, kitschigen Spielen oder Kawa-Zeremonien. Jeder, der einmal auf Fiji war, hat Kawa probiert, das Nationalgetränk, das so schmeckt wie alte Socken riechen, die Zunge für ein paar Sekunden betäubt und angeblich müde machen soll. Ich spürte lediglich ein Kribbeln in meinem Mund, derart schläfrig fühlte ich mich nach der Einnahme aus einer Kokosschale jedoch nicht. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass ich jedes Mal nur nach "low tide" also Ebbe fragte. Bei regelmäßigem, der high-tide entsprechendem Genuss des Getränkes könnte ich mir eine gesundheitsbeeinflussende Wirkung allerdings nicht verdenken. Nicht umsonst hätte mir ein Einheimischer verraten, er sei jetzt endlich vom Gras und Kawa runter.
Nachdem ich sechs Nächte auf Mana verbracht hatte, führte mich meine Reise weiter nach Nanuya Lailai, eine kleine Insel, die man in einer Stunde zu Fuß umrunden konnte und sich zur Inselgruppe der Yasawas zählte. Der Tag meiner Ankuft war gleichzeitig auch mein Geburtstag und zufällig auch der erste Regentag seit meiner Einkehr in Fiji. Zunächst war ich zwar ein wenig betrübt wegen des Wetters. Doch als mir klar wurde, dass es schon allein ein Geschenk war, meinen Zwanzigsten überhaupt auf Fiji erleben zu dürfen, beschloss ich, das beste aus dem Tag herauszuholen. Und das bedeutete konkret, mir die existierende, absolute Schönheit einfach vom Baum zu pflücken. Endlich hatte ich meine Lieblingsblume, Frangipani, in echt gesehen. Und gerochen! Die folgenden 3 Tage verbrachte ich auf der anderen Seite der Insel, die den wunderbaren Namen "Blaue Lagune" trug. (Filmtipp: "Blue Lagoon" mit Brooke Shields). Mein Lonely Planet Reiseführer hatte nicht zu viel versprochen: Schneeweißer Strand, Kokospalmen und türkisblaues Meer. Manchmal bedeuten Klischees einfach die Wahrheit. Und von einem kitschigen Klischee könnte man dann sprechen, sobald ich von meinem Pina Colada erzähle, den ich in einer Hängematte direkt am Strand geschlürft habe, umgeben vom wundervollen süßen Duft der Frangipanis. Auf dem Rückweg zu meinem Resort kurz vor Sonnenuntergang lernte ich den Mitarbeiter eines anderen Hotels kennen, der mich bis zu seinem Dorf, das geich neben meiner Unterkunft gelegen war, begleitet hatte. Am nächsten Tag zeigte er mir, wie man Kokosnüsse knackte und den leckeren Saft aus einem wortwörtlichen Strohhalm trank. Zum Abend hin hatte ich schon reichlich "intus". Nach dem Abendbrot legte ich mich meitens an den Strand, um mir den Sternenhimmel anzusehen, der hier auf den Inseln so klar ist, wie nirgends sonst. Die Milchstraße erschien mir wie ein breiter Pinselstrich funkelnder Diamanten am sonst so tiefschwarzen Nachthimmel und alle paar Minuten erlaubte mir eine vorbeiziehende Sternschnuppe einen Wunsch zu äußern. Wenn das alles in Erfüllung geht, muss Weihnachten dieses Jahr wohl zwei Mal gefeiert werden. Neues folgt bald! :)
Montag, 4. April 2011
Nachdem ich mich drei Monate "ins Privatleben zurückgezogen" habe - Faulheit beschreibt diesen Zustand des Nichtschaffens leider doch noch am besten -, melde ich mich mit diesem Blogeintrag frisch und schöpferisch zurück.
Da mein vergangener Eintrag eine Fortsetzung für alle Leser versprochen hat, beginnen meine Schilderungen nun im Dezember 2010.
Daniel und ich hatten beschlossen, Weihnachten auf Stewart Island zu verbringen. Von entspannten Weihnachtsfeiertagen konnte allerdings nicht die Rede sein, denn kaum hatten wir die erste Nacht nach unserer Ankunft noch im Hostel verbracht, begann das große Abenteuer ohne Aussicht auf Strom und warmes Wasser schon am darauf folgenden Tag. Doch bevor es wirklich losgehen konnte, stand ich noch vor einer ganz anderen Herausforderung: Ich musste meinen Rucksack entleeren und nur das "Notwendigste" für den geplanten 5-tägigen Trip einpacken. Da "praktisch denken" damals noch nicht meine größte Stärke war, schenkte ich Daniel einen ungläubigen Blick, als er mir riet, die vier Nagellackfläschchen und das Glätteisen im Spint zu verstauen. Im Nachhinein betrachtet, wäre eine frisch aufgetragene Lackschicht wohl nur der ironische Höhepunkt des Fußmarsches durch naturbelassene Schlammpfade und über rostige Hängebrücken gewesen. Den mehrtägigen Mangel an Hygienemaßnahmen möchte ich hier nicht weiter ausführen. Da meine Rückenmuskulatur sich in den vergangenen Monaten schon der eines Packesels angepasst hatte, fühlte ich, nachdem ich das erste Mal in den Genuss eines auf das Nötigste gepackten Rucksacks kommen durfte, gar nichts. Fe-der-leicht! "Der Himmel ist auf meinem Rücken", rief ich voller Ekstase. Daniel lachte spöttisch und in bester Laune ging es schließlich los durch die ersten paar Meter Wald auf dem Weg zum ersten Etappenziel, einer kleinen Holzhütte mitten im Nirgendwo. Die gute Laune hielt bei mir leider nur so lange, bis ich realisierte, dass es sich bei den ersten paar Metern Wald in Wirklichkeit um eine unendliche Baumlandschaft handelte und der Wegweiser uns auf eine 5 bis 6-stündige Wanderung vorbereitete. "Keine Sorge, wir schaffen das locker in 5 Stunden, wenn wir zügig laufen und nur ein oder zwei Pausen einlegen." Zügig laufen. Nur ein oder zwei Pausen. (Daniel, ich hatte wohl vergessen zu erwähnen, dass ich zu Hause sogar zum 2 Minuten entfernten Supermarkt mit dem Auto fahre.)
Nun aber mal Spaß bei Seite. Nachdem ich mich überraschenderweise schon nach einigen Stunden Laufens an die körperlichen Antrengungen gewöhnt hatte (insgesamt waren wir 29 Stunden zu Fuß unterwegs), konnte ich mich frei den Genüssen, die die Wanderung zu bieten hatte, hingeben. Abgeschottet von Städten und Verschmutzung wurde meine Lunge geflutet von frischer, angenehm kühler Luft. Mit jedem Atemzug erfüllte mehr und mehr Energie meinen Körper. Ich fühlte mich von allem befreit und losgelassen und das erste Mal seit langem hörte ich auf zu denken und gebrauchte nur noch meine Sinne, die die Schönheit des Waldes geradezu aufsaugten. Daniel und ich redeten sehr wenig während dieser fünf Stunden. Das war aber nicht schlimm, denn jeder genoss das seltene Gefühl für sich, Mensch sein zu können, um im selben Moment zu begreifen, wo unsere Ursprünge liegen, als wir unsere Arme und Beine dafür benutzten, wofür sie einst geschaffen worden waren: Zum Abstützen an Felsen, Festklammern an Ästen, Ausbalancieren auf Baumstämmen oder glitschigen Steinen und Überwinden von unzähligen anderen Hindernissen. Schon kurz nachdem wir die Wanderung begonnen hatten, beschlossen wir, die beklemmenden Schuhe auszuziehen und barfuß weiter zu laufen. Mit jedem Schritt bohrte sich der feine, kühle Schlamm des Waldbodens durch die Zwischenräume meiner Zehen. Sogar auf den vielen unebenen Pfaden, die von feuchten Ästen und kantigen Steinen bedeckt waren, spürte ich keinen Schmerz an meinen Füßen. Eher war es eine natürliche Massage, die ab und an durch Streicheleinheiten des Schlammbodens abgemildert wurde. Von den uns gelegentlich entgegenkommenden Trampern ernteten wir dafür eine Menge Respekt. Ich wünschte mir nur, sie hätten das selbe getan, um einen solchen Hochgenuss gegen die schweren Trekkingschuhe eintauschen zu können. Die Strecke bis zur Hütte war durchzogen von steilen, duneklgrün bemoosten Felsklippen, die es aufzusteigen vermochte, Bächen, die durchwatet oder übersprungen werden wollten, Lichtungen, die gleich am Ufer des Pazifiks lagen und zur Rast einluden und endlos weiten Wegen über Tannnadeln und Laubblätter. Kurz nachdem die Dämmerung die Schatten der Bäume immer länger werden ließ, erreichten wir hungrig und erschöpft unser erstes Etappenziel, die Freshwater Hut, direkt an einem kleinen Waldsee gelegen. Drinnen verschafften uns die niedrigen Temperaturen zunächst eine angenehme Abkühlung, doch später, als Daniel das Feuer im Kamin entzündete, um unsere erste richtige Mahlzeit, eine Süßkartoffel, darin zu rösten, genossen alle die Wärme, die die Holzhüttenatmosphäre nocheinmal verstärkte. Die Zeit vor dem Schlafengehen verbrachten wir mit den anderen Wanderern damit, unsere Erfahrungen und Eindrücke auszutauchen. Die Nacht war kühl, dennoch war ich so erschöpft, dass ich ziemlich gut durchschlafen konnte. Lediglich das Bedürfnis nach einer warmen Dusche wurde immer größer. Auch die nächsten Tage waren anstrengend, aber umso genussvoller, denn selbst die Landschaft auf einer so kleinen Insel wie Stewart Island hatte so viel zu bieten, dass man regelmäßig ins Staunen geriet. Die Wanderung auf einem schmalen Holzsteg, der uns durch Mangroven ähnliche Wälder führte, hatte ihren ganz besonderen Reiz, denn man musste schon ziemlich gelenkig sein, um entgegenkommenden Wanderern auf dem sonst so einsamen Pfad auszuweichen, ohne dabei überzukippen. Hin und wieder leisteten uns auch ein paar paradisische Vögel Gesellschaft, die uns mit ihrem gelb-schwarzen Gefieder und langen, fächerförmigen Schwanzfedern in ihren Bann zogen und manchmal sogar vom Weiterlaufen abhielten. Eine andere einmalige Szenerie eröffnete sich uns, nachdem wir die Mangroven verlassen hatten. Vor uns erstreckte sich plötzlich eine ungeahnt weite Graslandschaft, die links und rechts am Horizont nur von grünen Bergen und vor uns vom Meer begrenzt war. Da wir uns immer noch auf dem Holzsteg bewegten, fühlte es sich an, als wären wir über die Wiese geschwebt. Den Ozean als Endziel vor Augen zu haben, erzeugte beinahe ein biblisches Gefühl in mir, doch als wir zum ersten Mal die Füße auf den feinkörnigen Sand setzten und das gesamte Panorama erblicken durften, fehlten mir schlicht die Worte, um dieses Glück zu beschreiben. Die Sonne bewegte sich immer mehr dem Horizont entgegen und ließ das Meer in einem warmen Bronzeton erstrahlen. Dadurch, dass die Flut erst allmählich zurückkehrte, wirkte der Strand umso weiter und die wenigen Möwen, die sich ihr Abendbrot aus dem Sand pickten, schienen geradezu wie kleine Punkte, die die Gleichmäßigkeit des Sandbodens ein wenig auflockerten. Der leichte, salzige Wind, der vom Meer in unsere Gesichter wehte, lies die Gräser auf den Hügeln hinter uns friedlich hin und her wiegen. Rechtzeitig zur goldenen Stunde hatten wir das Ziel erreicht und unsere Belohnung, die Erkenntnis über tatsächlich existierende Freiheit für all die Anstrengungen erhalten. Amen!