Dienstag, 21. September 2010

Eben schlug mir wieder ein Brett vor den Kopf. Und so oft wie mir das bereits passiert ist, dürfte ich eigentlich gar nicht mehr in der Lage sein, euch überhaupt noch von irgendetwas zu berichten.
Genau genommen handelt es sich bei dem Brett um ein unerklärliches Phänomen, oder ein ungewolltes Talent. Würde man es nun als unerklärliches Phänomen bezeichnen, werde ich den Verusch unternehmen, es in den nächsten paar Zeilen erklärlich zu machen.
In völligem Frieden mit mir und der Welt, war ich gerade im Begriff die Aromen meines Roibos-Tees in spiritueller Ruhe und im Hintergrund dudelnder Bob Marley Rhythmen zu analysieren, als es mich traf, wie ein Schlag. Ich war gerade dabei, den Tee in dieser Weinverkoster-Manier in meinem Mund zu gurgeln und blickte dabei zufällig nach vorn zur Starbucks-Kasse: Asiatische Verkäuferin, lächelnd, einen südländischen Kunden bedienend. Er bekam seinen Kaffee und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann rutschten die nächsten Kunden ins Bild. "WAS IST DAS?", schrie plötzlich eine Stimme in voller Lautstärke aus meiner unschuldigen Seele und im selben Moment begriff ich, dass die Frage bereits die Antwort gewesen war: "Sie sind wieder da!". Deutsche. Da stehen sie, fünf an der Zahl, in ihren Multifunktionsjacken, Jan Sport Rucksäcken, modischen Jeans aus dem Versandkatalog (stonewashed) und diesen Converse-Plagiaten von Deichmann. Auch die letzte an der Reihe hält ihr praktisches Canvas-Portemonnaie mit Blütenstickerei und vereinzelten Glitzersteinen (auch hier vermute ich Deichmann) bereits in der Hand, um auf alles vorbereitet zu sein. Ich schaue in die Gesichter: Die Augen konzentriert auf die Angebotstafeln gerichtet, die Wangen leicht errötet und die Münder offen. Dann blicken sie sich an und kichern. Lustig, denke ich mir. Im selben Moment frage ich mich, ob man Deutsche wirklich so einfach erkennen kann, obwohl wir doch alle westeuropäische Merkmale aufweisen und uns damit zumindest optisch nicht von Niederländern oder Franzosen unterscheiden sollten, oder ob ich tatsächlich ein Talent besitze, von dem ich lieber nie erfahren hätte. Dann fallen mir die Frisuren, wenn man sie als solche bezeichnen kann, von einigen Mädchen ins Auge. Ich sehe eine Naturkrause, die vermutlich mit einer großen Plastikbürste nach hinten zu einem strengen Zopf gezwängt wurde. Die Folge dessen ist eine halb wellige, halb glatte, fast undefinierbare Haarstruktur. Einige Strähnen, die natürlich ins Gesicht hätten fallen können, wurden mit Bobbypins auf Höhe der Ohren befestigt. Auf die Babyhaare am Stirnansatz legt sich ein leichter Schleier von Schweißperlen. Auch die selbstgefärbten Highlights, die sich vom Ansatz geschieden haben, erscheinen deutlich sichtbar. Eine andere Deutsche aus der Gruppe musste sich wohl vor der Reise ihre straßenköterblonden Haare noch zu Dreadlocks zerstören lassen haben; schließlich muss die Jack Wolfskin-Jacke mit den silbernen Reflektorstreifen mit der Frisur harmonieren, um alle Backpacker-Klischees offensichtlich zur Schau zu stellen.
Und dann, als sie alle ihre Getränke in den Händen halten und gerade dabei sind nach draußen zu marschieren, ruft eine Deutsche den anderen Gästen im Starbucks noch lautstark "Schönen Tag noch" (ja, auf Deutsch) zu. Auf der Straße sehe ich, wie sie sich krümmen vor Lachen. Ich muss auch lächeln, denn fast dachte ich, ich hätte den Wasser und Wind abweisenden Stoff der Multifunktionsjacke wieder knistern hören.

1 Kommentar:

  1. Die armen Backpacker, sind bestimmt, wenn man sie nicht im Rudel trifft, nette Leute

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