Mittwoch, 29. September 2010

(29.09.2010) Nach 5 Nächten Couchsurfing und nunmehr 3 Nächten im Hostelbett melde ich mich zurück aus der Queen Street in Auckland. Ich bin also wieder dort, wo alles begann.
Falls es einige noch nicht oder nur brockenweise über den Pazifik erreicht hat, denen bestätige ich an dieser Stelle, dass ich aus meiner Gastfamilie rausgeschmissen wurde. Die Gründe lagen aber weniger bei mir, als bei der unheilbaren Krankheit meiner Gastmutter und der daraus resultierenden Empfindlichkeit gegenüber weiteren äußeren Störfaktoren, zu denen am Ende wohl auch ich gehörte. Wie aus meinem letzten Blogeintrag mehr oder weniger hervorging, möchte ich mich dennoch nicht durch verbale Wutausbrüche revanchieren, denn ich weiß nicht, wie ich selbst mich verhalten würde, wenn ich im Februar die Nachricht erhalten hätte, an MND erkrankt zu sein. Aus meiner Zeit in der Familie habe ich jeodch einiges über mich selbst erfahren und die Bestätigung für einige persönliche Thesen über das Leben erhalten. Wie unwahrscheinlich wäre es, wenn diese Lektionen sich nicht um Kinder drehen würden? Freut euch nun auf eine kurze philosophische Sitzung und versucht, die folgenden Fragen für euch zu beantworten. Ich habe nach 1,5 Monaten Aupair-Arbeit meine persönlichen Antworten darauf gefunden.
Du hast dir deine Wohnung nach deinen eigenen Vorstellungen eingerichtet. Kannst du dir vorstellen, dass dein Mobiliar später zuerst als kunterbuntes Allerlei von Hanna-Montana-Kleenex-Boxen, lachenden Clownsweckern und bunten ABC-Plüschraupen, die zwischen Fenster und Gardinenstange gequetscht sind, wahrgenommen wird?
Wie gefällt dir die Vorstellung, dass alles, was du anfasst, später entweder von Honig- oder Marmeladenresten kleben wird?
Wäre es schön, vom Schokoriegel immer etwas abgeben und in verklebte, schmierige Hände reichen zu müssen, nur um traurig zuzusehen, dass das Kind ohnehin nicht alles schafft und über die Hälfte des angekatschten, vor Speichel treifenden Riegels weggeschmissen wird.
Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass man sein hart verdientes Geld ein Leben lang in Undank und Egoismus investiert? (Meine Eltern werden jetzt lachen.)
Gefällt es dir, den Strandurlaub im ruhigen Privatresort zukünftig für einen Rutschenpark im familienfreundlichen Massenwohnblock einzutauschen?
All das habe ich in meiner Zeit als Aupair miterlebt und weiß von nun an, mit 100%iger Bestätigung, was ich nicht will. Tja, und da werden auch leise Hoffnungsschreie wie "Die Zeit wird ihre Meinung schon noch ändern, wirst du sehen" unerhört bleiben und in der dunklen Höhle der Ignoranz für immer verschwinden. Muhahaha!

Themawechsel: Letzte Woche war ich bei der New Zealand Fashion Week und musste mal wieder mit Wehmut erfahren, dass die Erfüllung mancher Träume eben doch vom Geld abhängig sind. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder vielleicht noch ein bisschen besser, denn ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Neuseeland die Mode wirklich so ernst nimmt. Die Modenschauen fanden in einem großen Zelt statt, so, wie man es schon von der Mercedes-Benz-Fashion-Week in Berlin gewöhnt war. Bis man reingelassen wurde, vergingen lange Minuten des Wartens, da der Andrang an Fashionvictims wahrscheinlich sogar größer war, als das Gehalt des ein oder anderen Designers. Aber auch das lange Rumstehen hatte fast die gleichen Vorteile, wie überhaupt eine Karte für die IMD Designer Show zu ergattern, denn draußen tummelten sich die Models am Hafen und genossen die Sonne - und ich konnte ihnen ungestört dabei zusehen. Zugegeben, ich habe sie angestarrt, weil es sich bei den Prachtexemplaren ausschließlich um Männermodels handelte. Ich will nicht mehr allzu viel darüber verlieren, da die meisten bereits wissen, aus welchen Gründen mein Blick bei unseren männlichen Gefährten öfters mal ins Stocken gerät: Enge Hosen, Ray Ban Clubmaster und dieser freche Blick. Das reicht! Fotos wurden zur Genüge geschossen, nur leider hatte ich einen Tag nach den Shows den Speicherchip meiner Kamera verloren. Die göttlichen Bilder aus meinem Kopf halten jedoch für immer. Im Zelt angekommen, bekam jeder Besucher eine große Tüte mit Werbegeschenken aller Art: Kaffeepulver, Nagellack, Zeitschriften, Müsliriegel etc. Nicht schlecht! Die erste Show begann damit, dass ein weißer Vorhang, der den kompletten Runway abgedeckt hatte, fiel und alle Models, die für einige Sekunden die gleiche Pose hielten, entblößte, damit man das Gesamtkunstwerk, das heißt Sera Lilys Spring Summer Collection, einmal in seiner vollen Pracht genießen konnte. Genussmomente waren natürlich auch die Models wert. Groß, dünn und schön, so schwebten sie in geheimnisvollen Anmut über den Laufsteg und präsentierten leichte, zum größten Teil minimalistische Sommermode. Hätte ich das Geld, wäre ich nun um einige Teile ihrer Kollektion reicher. Und hätte ich das Geld, würde ich nächstes Jahr beginnen, Modedesign zu studieren. Wer hat eigentlich den Konjunktiv erfunden?

(06.Okt.2010)
Schon nachdem ich nur eine Millisekunde damit verbracht hatte, über das letzte Wochenende nachzudenken, spürte ich dieses ganz besondere Gefühl, das mir mitteilte, ich würde etwas legendäres erleben. Ein Zauber lag in der Luft. Und die Konzertticktes zur Unknown Pleasures Celebration mit Peter Hook neben meinem Münzfach in der Geldbörse. Pünktlich um 19.30 Uhr wurden die Tore der Konzerthalle geöffnet und schon konnte ich es wieder fühlen. Faszination, Respekt, Aufregung und Melancholie. 30 Jahre war es nunmehr her, dass sich Joy Division aufgrund von Ian Curtis' tragischem Selbstmord auflösen musste. Doch einer kam und feierte ihn noch immer. Und mit Peter Hook ein Publikum, das aus Zeitgenossen und Teenagern bestand, die immer noch auf die gleiche Musik, die 4 kurze Jahre mit einer "heiligen Stimme" gekrönt war, abfuhren. "Hookie", der Ians Stimme zwar nicht ersetzen, aber die Texte trotzdem mit der gleichen Würde singen konnte, war gut gelaunt und hatte offensichtlich immer noch Spaß am Leben als Rockstar. Ich spürte jeden einzelnen Song von "Unknown Pleasures" bis in mein Mark und musste tanzen, springen oder einfach nur die Augen schließen und darüber nachdenken, wie es wohl damals gewesen war. Ob Peter Hook wieder das gleiche fühlte, wie vor 30 Jahren und ob das Publikum ihn erschreckte, oder stolz machte. Antworten bekomme ich zwar nicht auf meine Fragen, aber dennoch kann ich behaupten, dass ich nun im Ansatz weiß, auch wenn es nur winzige Bruchstücke sind, wie es sich damals angefühlt haben muss, die echte Musik zu lieben und zu leben, als sich der Kommerz noch nicht wie eine Pest über die Radios und Konzerte legte. Vielen Dank dafür, Herr Hook!

Ortswechsel: Paihia, Northland, Neuseeland. Gerade genieße ich die ersten warmen Strahlen der Sommersonne und werde euch demnächst berichten, wie es denn so war. Bis dann!

3 Kommentare:

  1. Schön viel zu lesen :-) Wo warst Du denn couchsurfen?
    Und selbst nach meinen 2 Wochen als Kindermädchen kann ich von Deinen Erfahrungen Einiges bestätigen, allerdings finde ich: Erwachsen wird man erst, wenn man Kinder hat.
    In diesem Sinne - ich geh jetzt erstmal surfen :-D

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  2. Na nur in Auckland, musste ja sehen wo ich bleibe, nachdem mir gesagt wurde, dass ich aus der Familie verschwinden soll :D Wir fahren Samstag nach Coromandel und dann gehts bald nach Gisborne, wie lange bist du noch da? Ich will surfen lernen ;)

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  3. klingt gut. ich bin noch lange genug hier :-D Gute Zeit zum Lernen. das wasser ist im moment glasklar und schon 15 grad kalt ;)

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